Bildungsoffensive : „Hauptschule darf keine Sackgasse sein“

Bildung geht alle an: Forschungsministerin Annette Schavan will "die Potentiale, die in Deutschland stecken" im Rahmen einer neuen Offensive besser nutzen.

Das Gespräch führten Amory Burchard[Anja Kühne],Antje Sirleschtov
Annette Schavan
Forschungsministerin Annette Schavan über ihre Bildungsoffensive.-Foto: Mike Wolff

Scheuen Sie das Rampenlicht, Frau Schavan?

Nein, warum sollte ich?

Es gibt Kabinettskollegen, die mit ihrer Arbeit weit mehr in der Öffentlichkeit stehen.

Das ist eine Frage des Blickwinkels. Die Hightech-Strategie und der Hochschulpakt waren zentrale Projekte im ersten Jahr. Sie sind Zeichen für eine neue Art der Forschungspolitik als Innovationspolitik. Und nun bereiten wir eine nationale Qualifizierungsinitiative vor. Damit wird es uns gelingen, die Potenziale, die in Deutschland stecken, durch Bildung und Ausbildung besser zu nutzen.

Erst die Forscher, jetzt Bildung für alle?

Ja, die erste Hälfte dieser Legislaturperiode stand ganz klar im Zeichen der Neuordnung der Forschungspolitik. Mit dem Kabinettstreffen Ende August in Meseberg beginnend werden wir die Akzente stärker in Richtung Bildung und Ausbildung setzen. Das interessiert die Öffentlichkeit selbstverständlich besonders. Bildung geht schließlich jede Familie an.

Was planen Sie?

Wir werden gemeinsam mit allen Akteuren, den Ländern, den Kommunen und den Sozialpartnern Maßnahmen entwickeln, die den Bildungsstandort Deutschland auch international nach vorne bringen werden. Dazu müssen wir die Frage beantworten, wie wir uns Bildung im Jahr 2020 vorstellen. Das beginnt mit der frühkindlichen Bildung. Dazu gehört auch, jedem Jugendlichen die Chance auf eine qualifizierte Ausbildung zu geben. Und selbstverständlich werden wir uns der Frage zuwenden, wie der Weg für junge Menschen von der beruflichen Bildung zum Hochschulstudium durchlässiger werden kann.

Die Bundesforschungsministerin wendet sich den Kindergärten zu?

Bildung muss früher beginnen. Bereits als Kultusministerin habe ich mich mit der Einrichtung von Bildungshäusern für Drei- bis Zehnjährige beschäftigt. Inzwischen haben wir erste Kontakte mit den Bundesländern zur Einrichtung solcher Bildungshäuser. In Baden-Württemberg sind bereits die ersten 20 Standorte ausgeschrieben.

 Was sind Bildungshäuser?

Dahinter steht der Gedanke, dass Kindergärten und Grundschulen ganz nah zueinander rücken und ein gemeinsames Bildungskonzept bekommen. Entscheidend ist, dass die Lebenszeit der Kinder zwischen drei und sechs besser für Bildung genutzt wird. Wir dürfen es nicht länger dem Zufall überlassen, ob Kinder im Vorschulalter an Bildung herangeführt werden. Die Grundschule muss logische Fortsetzung und nicht erst der Anfang von Bildung sein. Dazu ist es nötig, dass Familien- und Bildungspolitik näher zusammenrückt und neue Strukturen errichtet werden. Nicht nur auf dem Land, wo sich angesichts des demografischen Wandels ja jetzt schon die Frage nach wohnortnaher Bildung für die Kleinsten stellt. Wir wollen, dass Lehrer, Erzieher, aber auch Fachleute etwa für Sprachbildung, enger kooperieren und womöglich auch in einer Institution zusammenarbeiten.

Sollen schon Dreijährige lesen lernen?

Es geht nicht darum, die Grundschule drei Jahre vorzuziehen. Aber wir sehen doch die Defizite vieler Kinder, wenn sie zur Schule kommen. Sprachentwicklung, Bewegungserziehung, Zugang zu Naturphänomenen, Kunst und Musik – das gehört in diese Altersphase.

Die Bundesländer haben gerade in der Föderalismusreform ihren Anspruch auf Bildungsautonomie erneuert.

Ja, und das stellt niemand in Frage. Bund und Länder, wie zum Beispiel Baden-Württemberg, Hessen und andere, arbeiten bei diesem Projekt konstruktiv zusammen. Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Jahren überall in Deutschland Erfahrungen zusammentragen werden. Die demografische Entwicklung wird das Bildungssystem verändern und die Phase des frühen Lernens ist der Schlüssel für alles weitere.

Im Dezember werden die Ergebnisse der nächsten Pisa-Studie vorgestellt. Sind deutsche Schüler klüger geworden?

Seit der ersten Pisa-Studie 2001 sind viele Reformen auf den Weg gebracht worden. Wie diese Reformen jetzt wirken und deutsche Schüler im internationalen Vergleich weiter nach vorn bringen, wird sich dann zeigen, denn auch andere Länder schlafen nicht.

Sie zweifeln?

Nein, ich habe ein gutes Gefühl. Schon die zweite Pisa-Studie hat gezeigt, dass Länder, die 2001 noch abgeschlagen dastanden, enorme Dynamik entwickelt haben.

Dennoch kritisieren Sie den Schulreform-Prozess der Länder.

Jedes Land hat für sich große Reformanstrengungen unternommen. Allerdings sind die Ergebnisse noch zu wenig transparent. Die Öffentlichkeit ist verunsichert über die Zukunftsfähigkeit des Bildungssystems. Deshalb werde ich mit den Ländern darüber beraten, wie Vergleichbarkeit verbessert und Mobilitätsbarrieren für Schüler und Lehrer abgebaut werden.

Wollen Sie einen bundesweiten Lehrplan?

Nein, das bleibt in der Verantwortung der Länder. Allerdings haben wir in der Kultusministerkonferenz einheitliche Standards vereinbart, die durch Lehrpläne umgesetzt werden müssen. Und da vermisse ich den Willen der Länder zur Transparenz. Noch immer sind die Eltern verunsichert, weil sie keine einheitlichen Standards erkennen können. Ich will keine Gleichheit, sondern Vergleichbarkeit. Lehrer, die in einem Bundesland ausgebildet wurden, müssen in allen anderen Ländern lehren können. Eltern dürfen keine Angst mehr davor haben umzuziehen, weil ihre Kinder in einem anderen Land zum Beispiel in Fremdsprachen nicht mehr mitkommen, weil diese Sprache in ihrem bisherigen Heimatland nicht im Zentrum stand. Da müssen die Konzepte individueller Förderung in der Schule klar sein. Und ich bin auch davon überzeugt, dass wir in den allermeisten Fächern keine so große Vielfalt von Schulbüchern brauchen. Wo es einheitliche Bildungsstandards gibt, kann ein Schulbuch in ganz Deutschland zur Grundlage von verschiedenen Lehrplänen werden.

Das greift tief in die föderale Grundidee ein.

Nein, überhaupt nicht. Die Akzeptanz des Föderalismus tendiert gegen null, wenn diese Vergleichbarkeit der Bildungswege für die Bürgerinnen und Bürger nicht erfahrbar ist. Zum Föderalismus gehört gesamtstaatliche Verantwortung, die die Länder gemeinsam übernehmen. Wir reden in Europa über Abbau von Mobilitätsbarrieren, also muss das auch bei uns gelingen. Die Schweiz macht uns vor, wie wir dieser gemeinsamen Verantwortung in der föderalen Ordnung gerecht werden können. In der Nationalen Qualifizierungsinitiative werden Bund und Länder gemeinsame Ziele zum Beispiel bei der Reduzierung der Zahl der Schul- und Studienabbrecher vereinbaren. Föderalismus heißt Wettbewerb konkreter Konzepte im Kontext gemeinsamer Ziele.

Wird sich der Bund auch finanziell in den Schulbereich einbringen?

Der Bund ist doch mittendrin. Mit vier Milliarden Euro für Ganztagsschulen und erheblichen Finanzmitteln der Bundesanstalt für Arbeit zur individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern in zahlreichen Ländern. Im Bereich der frühkindlichen Bildung hat der Bund vier Milliarden Euro für zusätzliche Betreuungsplätze angeboten.

Werden wir konkret: Wie lange wird es die Hauptschule noch geben?

Wer eine Hauptschule besucht, muss so lernen können, dass sie oder er bei entsprechender Leistung auch den mittleren Abschluss machen kann und weitere Ausbildungswege offenstehen. Das muss überall in Deutschland möglich werden. Davon hängt ab, ob die Hauptschule akzeptiert wird. Sie darf nicht zur Sackgasse gemacht werden.

Soziale Verwerfungen gibt es auch an den Hochschulen. Arbeiterkinder sind mit 20 Prozent der Studierenden stark unterrepräsentiert. Warum ist das so?

In Deutschland kommen Kinder noch immer zu spät in den Kindergarten und damit an Bildung außerhalb der Familie heran. Außerdem sind die Hürden beim Übergang von der beruflichen Bildung in die Hochschule zu hoch. Wer eine hoch qualifizierte Ausbildung als Mechatroniker hat, muss auch eine realistische Chance auf ein Technikstudium bekommen. Es ist deshalb sehr gut, dass das Bafög erhöht werden kann. Die Frage, die sich Arbeiterkinder stellen – kann ich mir dieses Studium leisten? – wird dadurch noch überzeugender beantwortet.

Der Mechatroniker scheitert heute an den Anforderungen der Fachhochschulen.

Aufbaukurse für Quereinsteiger gibt es faktisch nicht. Da müssen die Hochschulen aktiver werden und Brückenkurse anbieten. Wir müssen aber vor allem die erreichen, die fünf Jahre Berufstätigkeit hinter sich haben. Wir werden deshalb einen Wettbewerb für die besten Weiterbildungskonzepte an Hochschulen ausschreiben, damit mehr berufsbegleitende Studien angeboten werden.

Kümmert sich die CDU zu wenig um Bildungschancen für sozial Schwächere?

Das Land Baden-Württemberg, aus dem ich komme, hat ein Drittel Abiturienten, die Absolventen von Haupt- und Realschulen sind. Das ist viel und das zeigt, dass soziale Durchlässigkeit nicht unmöglich ist. Eigentlich ist das deutsche Bildungssystem im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern sehr erfolgreich. Während ein Schulabschluss anderswo oft den Weg in die Jugendarbeitslosigkeit bedeutet, haben wir ein Baukastenprinzip: Es eröffnet mit jedem Abschluss die Möglichkeit, einen neuen, höheren Anschluss zu finden. Die Vielfalt der Wege ist ein Grund für die vergleichsweise niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland.

Wird die Bafög-Anhebung mehr Arbeiterkinder an Hochschulen ziehen?

Vereinbart ist eine Erhöhung des Bafögsatzes um fünf Prozent und eine Erhöhung der Elternfreibeträge um vier Prozent. Und ich hoffe, in den parlamentarischen Beratungen im Herbst wird noch ein bisschen draufgelegt. Aber schon jetzt ist das ist ein Schritt, mit dem die Rückwärtsentwicklung bei den Bafög- Empfängern gestoppt ist. Vor allen Dingen wird es mehr junge Leute zum Studium motivieren.

Was hilft höheres Bafög, wenn die Studiengebühren nicht sozial abgefedert werden und man teure Kredite aufnehmen muss?

Studiengebühren sind gerecht. Denn wer einen Meistertitel erwirbt, muss viel selbst investieren. Und durch die Gebühren haben die Hochschulen jetzt deutlich mehr Geld, das direkt den Studierenden zugutekommt. Nun muss ein Wettbewerb um attraktive Angebote für die Finanzierung der Studiengebühren einsetzen. Das Studium darf wegen der Kredite hinterher nicht doppelt so teuer werden. Dafür muss ein Bildungsmarkt entstehen.

Von den vielen neuen Stipendien, die die CDU-regierten Länder in Aussicht gestellt hatten, ist nichts zu sehen.

In der Tat brauchen wir eine dritte Säule der Bildungsfinanzierung. Wir haben das Bafög, wir haben Studienkredite, und jetzt brauchen wir auch ein größeres Stipendienwesen. Die Unternehmen müssen den Schulabsolventen deutlich machen: Wir sind interessiert daran, dass ihr studiert.

500 Euro Gebühr pro Semester ist im Augenblick die Grenze. Werden Eliteunis bald mit höheren Gebühren experimentieren?

Das Bundesverfassungsgericht hat klar geurteilt. Und ich halte nichts von Diskussionen über eine Erhöhung der Gebühren. 500 Euro pro Semester reichen erst mal. Die Universitäten sollten sich stattdessen bemühen, Mäzene zu gewinnen, um mehr Kapital zu haben, mit dem sich zum Beispiel Spitzenkräfte berufen lassen.

Das Gespräch führten Amory Burchard, Anja Kühne und Antje Sirleschtov. Das Foto machte Mike Wolff.

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