Bildungspolitik : 14 Länder führen Rechtschreibreform ein

Die unstrittigen Teile der Rechtschreibreform werden von 14 der 16 Bundesländer wie geplant am 1. August verbindlich eingeführt. Bayern und Nordrhein-Westfalen scheren aus.

Stuttgart/Hannover (19.07.2005, 17:10 Uhr) - Baden-Württemberg und Niedersachsen gaben am Dienstag endgültig grünes Licht, alte Schreibweisen in den Schulen künftig als Fehler zu werten. Damit sind Bayern und Nordrhein-Westfalen die einzigen Bundesländer, die die Verbindlichkeit der 1998 eingeführten Reform verschieben und an der bisherigen Übergangsregelung festhalten.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) forderte CDU-Chefin Angela Merkel (CDU) auf, ein Machtwort zu sprechen und die Unionsländer auf Linie zu bringen. Das Verhalten der Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) und Jürgen Rüttgers (CDU) sei unerträglich, sagte die Ministerin in der «Berliner Zeitung» (Mittwoch). «Die CSU- und CDU-Ministerpräsidenten begehen Wortbruch und desavouieren ihre Kultusminister.» Das Gerangel um die Reform sei «ein Stück aus dem Tollhaus».

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und die Vize-GEW-Vorsitzende Marianne Demmer forderten die beiden Länder auf, im Interesse der Schüler bei der Umsetzung der Rechtschreibreform einzulenken. Nordrhein-Westfalens Schulministerin Barbara Sommer (CDU) verteidigte dagegen die Entscheidung. Es sei besser, die Empfehlungen des Rechtschreibrates abzuwarten, als sich jetzt den anderen Bundesländern anzuschließen, sagte sie im ZDF-«Mittagsmagazin».

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) erklärte in Stuttgart, die Landesregierung sehe keinen Grund, von der Vereinbarung der großen Mehrheit der Bundesländer abzuweichen. Es gebe außerdem entsprechende Beschlüsse der Kultusminister- und der Ministerpräsidentenkonferenz. Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) forderte nach der Entscheidung des CDU/FDP-Koalition, künftig müsse der Rat für deutsche Rechtschreibung über «alle fachlichen Fragen der Weiterentwicklung der deutschen Rechtschreibung» entscheiden.

Der Ratsvorsitzende Hans Zehetmair unterstützt dagegen den Vorstoß von Bayern und Nordrhein-Westfalen. Er könne gut nachvollziehen, dass man nicht Teilbereiche in Kraft setzen wolle, sagte der ehemalige bayerische Wissenschaftsminister (CSU) in der «Süddeutschen Zeitung». Eine Rückkehr in die Kleinstaaterei durch unterschiedliche Termine, zu denen die Reform an den Schulen und Behörden verbindlich werde, befürchte er aber nicht.

«Was die Schule betrifft, so geht es darum, dass ab dem 1. August bestimmte Dinge nun als Fehler angerechnet werden sollen, die bisher nur korrigiert wurden», sagte Zehetmair. «In einer so labilen Situation, wie wir sie haben, halte ich dies nicht für sinnvoll», begründete der Ratsvorsitzende seine Haltung. Im Interesse der Schüler sollten die Lehrer eine Übergangszeit pädagogisch nutzen und den Sinn der Rechtschreibung lehren.

Dem Rechtschreibrat sei es unmöglich, bis zum Schuljahresbeginn in diesem Sommer die nötigen Korrekturen zu erarbeiten, betonte der CSU-Politiker. Je nach Bundesland bleibe nur etwa ein Monat Zeit. Er zeigte sich aber optimistisch, dass der Rat die Korrekturen bis Jahresende erarbeitet haben werde. Diese sollen dann voraussichtlich bis zum Schuljahr 2006/2007 eingeführt werden.

Die Vize-FDP-Chefin Cornelia Pieper forderte, die Rechtschreibreform dürfe nicht von Land zu Land scheibchenweise und zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Kraft treten. «Nachdem mehrere Bundesländer die Rechtschreibreform aufgeschoben haben, ist ein bundesweites Moratorium unumgänglich», sagte Pieper, die als Vorsitzende den Bundestagsausschuss für Bildung und Forschung leitet. Die-Grünen-Fraktionsvorsitzende Krista Sager warf Stoiber und Jürgen Rüttgers persönliche Profilierung auf Kosten der Schüler vor.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat derweil auf seiner Homepage das Regelwerk aufgeführt, das vom 1. August an verbindlich umgesetzt werden soll. Das Regelwerk hat den Titel «Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis. Überarbeitete Fassung 2004». Nicht verbindlich werden zum 1. August nach Angaben von Geschäftsführerin Kerstin Güthert die Bereiche B Getrennt- und Zusammenschreibung, E Zeichensetzung und F Worttrennung am Zeilenende (Silbentrennung), die als strittig gelten.

Die einzelnen Landesministerien hätten dazu entsprechende Verwaltungsvorschriften an die Schulen verschickt, sagte Güthert. Diese seien individuell gestaltet, aber vorab abgestimmt worden. Die Vorschläge des Rechtschreibrates zu den strittigen Bereichen seien noch nicht in dem Regelwerk enthalten, da die Kultusministerkonferenz diese erst mit Österreich und der Schweiz abstimmen müsse. (tso)

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