Bildungspolitik : Kultusminister streiten über Zentralabitur

Der Vorschlag von Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger, ein bundesweites Zentralabitur einzuführen, spaltet die Nation. Berlins Bildungsminister, Jürgen Zöllner, plant ein Zentralabitur für die Hauptstadtregion ab 2010.

Berlin/HamburgBaden-Württembergs Vorstoß für ein bundesweites Zentralabitur findet in den anderen Ländern Befürworter, Gegner und Skeptiker. Niedersachsen und Sachsen-Anhalt plädieren für ein klares Zentralabitur mit denselben Aufgaben "Ziel müssen einheitliche Aufgaben in den schriftlichen Abiturfächern sein", sagte Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU). Unter anderem Bayern sowie das Bundesbildungsministerium plädierten für vergleichbare Standards.

Auf Ablehnung stößt das Zentralabitur bei Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Bremen sowie Lehrerverbänden, aber auch beim SPD-regierten Rheinland-Pfalz. Einen Qualitätsgewinn könne er durch ein bundesweites Zentralabitur nicht erkennen, sagte Bildungsstaatssekretär Michael Ebling dem Tagesspiegel. Bei der Forderung nach einem Zentralabitur werde verkannt, "dass es mit den Einheitlichen Prüfungsanforderungen (EPA) für das Abitur der Kultusministerkonferenz bereits Qualitätsstandards gibt, die eine Vergleichbarkeit bei der allgemeinen Hochschulreife sicherstellen". Ein bundesweites Zentralabitur würde auch eine Vereinheitlichung der Prüfungstermine erfordern, für die er bundesweit keine Mehrheit erkennen könne. Das Thema soll in der nächsten Kultusministerkonferenz (KMK) erörtert werden.

Shavan will Oettinger-Vorschlag prüfen

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) hatte jüngst ein bundesweites Zentralabitur vorgeschlagen. Ein Sprecher des Staatsministeriums sagte, über Details müsse man diskutieren. Oettinger selbst sagte den "Stuttgarter Nachrichten": "Ich will das Ziel und die Qualität des Ziels möglichst bundeseinheitlich festlegen."

Sein Kultusminister Helmut Rau (CDU) sagte, Voraussetzung für ein Zentralabitur seien bundesweite Bildungsstandards für Gymnasien. Das Kultusministerium in Stuttgart bestätigte ein turnusgemäßes Treffen der unionsregierten Kultusminister, voraussichtlich am 30. August. Dabei werde das Zentralabitur eines von mehreren Themen sein.

Schavans Haus sprach sich für eine Prüfung des Oettinger-Vorschlags aus. Vorrangiges Ziel müsse sein, dass sich die Abituraufgaben an bundesweiten Bildungsstandards für die gymnasiale Oberstufe orientieren, sagte ihr Sprecher Elmar König. Sache der Kultusminister der Länder sei die konkrete Ausgestaltung, also ob es bundesweit einheitliche oder vergleichbare Aufgaben geben sollte.

Busemann sagte, der erste Schritt seien die von der KMK verabschiedeten verbindlichen "Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung". Diese hätten bereits indirekt den Status von Bildungsstandards für die Gymnasiale Oberstufe. Sachsen-Anhalts Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz (parteilos) möchte einheitliche schriftliche Prüfungen zunächst in den Fächern Deutsch und Mathematik. Auch Sachsen ist für ein "Deutsches Abitur". Hamburg und das Saarland können sich ebenfalls ein Zentralabitur vorstellen.

Der bayerischen Kultusminister Siegfried Schneider (CSU) sprach sich für bundesweit vergleichbare Abiturstandards in Deutsch und Mathematik aus. Es gehe ihm nicht um ein Zentralabitur, erklärte ein Sprecher. Die bundesweiten Standards sollten sich nach Vorstellungen des Ministeriums "dem bayerischen Niveau annähern". Denkbar sei ein Pool an Aufgaben, aus dem sich die einzelnen Länder bedienen könnten.

Zöllner: Beratung im Oktober

KMK-Präsident Jürgen Zöllner (SPD) hat sich ebenfalls in die Debatte eingeschaltet. Er halte ein Zentralabitur "nicht für einen entscheidenden Ansatzpunkt", um bundesweit mehr Vergleichbarkeit zu erreichen, sagte Zöllner dem Tagesspiegel. Vielmehr müsse die KMK bei ihrer nächsten Sitzung im Oktober über das weitere Vorgehen bei den bundeseinheitlichen Bildungsstandards beraten. Als Berliner Bildungssenator kündigte Zöllner an, über Berlin hinaus mit Brandenburg ein gemeinsames Zentralabitur in den Fächern Deutsch, Englisch, Französisch und Mathematik für das Jahr 2010 vorzubereiten.

Brandenburgs Bildungsstaatssekretärs Burkhard Jungkamp sagte ergänzend: "Ein Zentralabitur auf Bundesebene, das ich mir als Fernziel unter bestimmten Voraussetzungen durchaus vorstellen kann, sollte in der KMK erörtert werden." Erforderlich seien Vereinbarungen etwa zu einheitlichen Bildungsstandards.

GEW: Forderung ein "Ablenkungsmanöver"

Nordrhein-Westfalens Schulmisterin Barbara Sommer (CDU) sieht nach eigenen Angaben keinen Anlass, über bundeseinheitliche Prüfungen nachzudenken. Thüringen verlangte, zunächst die Dauer der Oberstufe in allen Bundesländern anzugleichen. Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) zeigte sich skeptisch und verwies auf die unterschiedlichen Sommerferienzeiten.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bezeichnete die Forderung nach einem Zentralabitur als "Ablenkungsmanöver" von der schlechten Ausstattung der Schulen. Der Deutsche Philologenverbands hält "präzise definierte Bildungsstandards mit dazu gehörigen Aufgabenpools" für wichtiger als ein bundesweites Zentralabitur. (mit Tsp/dpa)

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben