Bildungsstreik : Was ist an den Vorwürfen der Studenten dran?

Deutschlandweit demonstrierten Zehntausende Schüler und Studenten gegen Missstände im deutschen Bildungssystem. Was ist dran an den Vorwürfen?

A. Kühne[C. Stawenow],T. Rohowski[C. Stawenow],S. Vieth-Entus
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Foto: Kitty Kleist-Heinrich, Montage: Krause

Master und Bachelor hätten die deutsche Uni „verstümmelt“, sagt eine Studentenvertreterin. Begonnen hat alles am 19. Juni 1999. An diesem Tag unterzeichneten 30 europäische Staaten die Bologna-Erklärung, darunter auch Deutschland. Das Ziel: Bis zum Jahr 2010 soll ein gemeinsamer europäischer Hochschulraum geschaffen werden. Zwischen den Unis der Länder sollte die Mobilität der Studenten und Wissenschaftler erleichtert werden. Inzwischen nehmen 46 Länder am Bologna-Prozess teil.



Was sind Bachelor und Master?

In Deutschland gab es bis zum Bologna-Prozess Diplom- und Magisterstudiengänge mit Regelstudienzeiten von acht bis zehn Semestern sowie Staatsexamensstudiengänge von sieben (Grundschulpädagogik) bis zu zwölf (Medizin) Semestern. Im Anschluss konnten die Absolventen promovieren. Nun soll das Studium in zwei Zyklen unterteilt werden. Der Abschluss im ersten Zyklus (Bachelor) soll nach mindestens drei Jahren erreicht werden. Mit ihm soll eine „für den europäischen Arbeitsmarkt relevante Qualifikationsebene“ attestiert werden. Bachelor- Absolventen können ein aufbauendes Master-Studium aufnehmen und dann die Promotion anschließen oder gleich ins Promotionsstudium gehen – in Deutschland nur ausnahmsweise. Zum vergangenen Wintersemester waren 75 Prozent der Studiengänge in Deutschland (9200 von 12 300) auf Bachelor und Master umgestellt. Etwa ein Drittel aller Studenten studiert bereits im neuen System. Noch nicht umgestellt wurden überwiegend Staatsexamensstudiengänge wie Jura, Medizin und Theologie.



Warum kritisieren Studenten den Leistungsdruck im Bachelor?

Die deutschen Kultusminister haben den Bachelor zum „Regelabschluss“ erklärt. Mit ihm sollen die meisten Absolventen die Hochschulen verlassen. Damit üben die Kultusminister zwar Reformdruck aus. Die Unis müssen ihre Studiengänge völlig neu konzipieren, also etwa berufsbefähigende Anteile einbauen wie Fremdsprachen- oder Computerkurse. Doch weil der Bachelor „Regelabschluss“ sein soll, wurde er als Sparmaßnahme verstanden. Die Studenten haben Angst, ihre Zensuren im Bachelor könnten nicht reichen, um einen Platz im Master zu bekommen. Bisher sagen mehr als zwei Drittel, sie würden gerne den Master machen – auch weil sie befürchten, mit dem Bachelor keinen Job zu bekommen. Jedoch verspricht die Wirtschaft in der Kampagne „Bachelor welcome!“ attraktive Einstiegschancen für Absolventen.

Ein weiterer Fehler bei der Umsetzung der Reform: Obwohl die meisten Absolventen schon nach dem Bachelor in den Beruf gehen sollen, bieten die Hochschulen wenig sieben- oder achtsemestrige Bachelor-Studiengänge an, sondern viele kurze mit sechs Semestern. Die Unis wollen möglichst viel Zeit für die Arbeit mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs im Master reservieren. Beide Zyklen zusammen dürfen in Deutschland nicht länger als zehn Semester dauern. So werden Inhalte im Bachelor stark zusammengepresst. Viele Professoren können sich nicht vorstellen, dass ausgerechnet ihr Lieblingsgebiet nicht für einen Bachelor zwingend sein soll und wollen es mit einer Klausur würdigen. So kommt es zum Phänomen der „Lernbulimie“: Die Studenten stopfen den Stoff in sich hinein, um ihn schnell wieder von sich zu geben.

Warum ist der Bachelor so verschult?

Früher konnten Studenten ihre Kurse nach Geschmack wählen. Doch vielen Studenten fiel es schwer, Prioritäten zu setzen – ein Grund für überlange Studienzeiten und hohe Abbrecherquoten. Im Bachelor sollen je zwei bis drei Kurse zu Sinneinheiten in Modulen zusammengefasst werden, die auf ein Lernziel gerichtet sind: etwa die Einübung in Methodik, Theorie und Geschichte eines Faches. Nicht alle Pflichtmodule werden aber in jedem Semester angeboten. So verlängert sich häufig das Studium. Auch haben die Dozenten in den Studienordnungen oft jeden einzelnen Kurs vorgeschrieben. Das führt zu Überschneidungen von Pflichtkursen und verhindert Wahlfreiheit. Die Hochschulrektorenkonferenz fordert inzwischen, 30 bis 50 Prozent der Kurse müssten frei wählbar sein.

Sind die Studenten mobiler geworden?

Erst 15 Prozent der Bachelor-Studenten verbringen einen Teil ihres Studiums im Ausland, beim Master sind es 27 Prozent. Bachelor-Studenten haben Angst, im Ausland Zeit zu verlieren. Dabei sehen 80 Prozent der neuen Studienordnungen die Möglichkeit zum Auslandsaufenthalt vor.



Macht der Bachelor das Studium effizienter?

Die Zahl der Abbrecher in den Sprach- und Kulturwissenschaften ist von 43 Prozent auf 32 Prozent gesunken, in den Sozialwissenschaften von 27 auf zehn Prozent. Allerdings stieg die der Abbrecher an den Fachhochschulen von 17 auf 22 Prozent. Die FHs hätten den Stoff weniger „entschlackt als verdichtet“, begründen Experten. Die Studenten im Bachelor überziehen die Regelstudienzeit seltener als früher.



Haben Bachelor und Master eine Chance?

Alles hängt von ihrer Ausgestaltung ab. Schon jetzt sagen laut einer Studie des Hochschulinformationssystems 46 Prozent der Bachelor- und sogar 56 Prozent der Master-Studenten, sie seien mit ihrem Studium zufrieden. In den alten Studiengängen sagten das nur 43 Prozent.

Wie ist die Situation in anderen Ländern?

Der Bologna-Prozess lässt sich nicht in allen Ländern gleich gut umsetzen. Peter Gaehtgens, Ex-Vorstand beim Dachverband European University Association, beobachtet bei Deutschland die größten Anpassungsschwierigkeiten. Hier habe die Umstellung sehr spät stattgefunden. Auch brauche die Reform besonders lange, um die Tradition einer wissenschaftlich ausgerichteten Bildung ohne Leistungsdruck zu überwinden. „Elegant gelöst“ habe man die Umstellung auf die neuen Abschlüsse in Frankreich, sagt Gaehtgens, indem man einfach nur die bestehenden Abschlüsse umbenannt habe.

In Österreich beschweren sich die Studenten vor allem über die geringe Anerkennung des Bachelor-Abschlusses auf dem Arbeitsmarkt. In Norwegen hingegen finden Bachelor-Absolventen einer Befragung der European Students’ Union zufolge sehr schnell eine Arbeit. Viele europäische Studentenverbände bemängeln zudem den schlecht geregelten Übergang vom Bachelor- auf das Master- Studium.

Auf was machen die Schüler aufmerksam?

Wenn es nach den in Berlin demonstrierenden Schülern ginge, würde die Schullandschaft an entscheidenden Punkten umgestaltet. Eine Schule für alle müsste es geben, das Abitur wäre generell erst nach 13 Jahren abzulegen, die Klassen würden kleiner, und die jungen Lehrer blieben alle in Berlin. Dazu gäbe es kostenlose Schulbücher, an allen Schulen Bibliotheken, und der Unterrichtsausfall hielte sich in Grenzen.

Selbst die Gymnasiasten sprechen sich gegen die „Aufteilung“ der Sechstklässler und für die Gemeinschaftsschule aus. Auch treibt viele die gestiegene Belastung durch das verkürzte Abitur um: „Mein Bruder ist in der 9. Klasse und hat mehr Unterricht als ich“, kritisiert Landesschülervertreter Vito Dabisch, der die zwölfte Klasse des Neuköllner Albert-Einstein-Gymnasiums besucht. Er kritisiert zunehmenden Schulstress.

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