Politik : Bin Laden-Video: Das Äußere zählt

Jost Müller-Neuhof

Afghanistan ist befreit, die Taliban sind geschlagen - und Osama bin Laden ist zwar nicht im Gefängnis und wahrscheinlich auch nicht tot, doch sieht er immer schlechter aus. Dem US-Sender CNN kommt das Verdienst zu, auf diesen Nebenerfolg im Terrorkampf am anschaulichsten hingewiesen zu haben. Er stellte am Donnerstag sogleich laufende Porträtaufnahmen aus den drei seit den Anschlägen am 11. September veröffentlichten Videobotschaften des Extremistenführers nebeneinander. Und siehe: Bin Laden wird immer weniger.

In seiner ersten Ansprache Anfang Oktober wirkte der Turbanträger noch halbwegs bei Kräften. In der zweiten einen Monat später erschien er bereits blasser. Jetzt, bei seinem dritten Auftritt, diesmal mit Palästinensertuch statt Turban, war er nur noch ein Schatten seiner selbst: eine blutarme Erscheinung, mager, mit grauen Ringen um den Augen; in seinen Worten immer noch entschlossen, aber physisch offenbar ermattet. Zum ersten Mal wirkte die Kalaschnikow neben ihm bedrohlicher als er.

Mit der Physis muss dies nicht zwangsläufig zu tun haben. Ein wenig Puder, der Unterschied von Kunst- und Sonnenlicht oder ein ungünstiger Schattenfall können darüber entscheiden, ob ein Gesicht fahl wirkt oder kerngesund. Besonders gut genährt war der feingliedrige Terroristenchef ohnedies nie. Doch geben die Bilder wieder Auftrieb für Spekulationen, die sich um den Gesundheitszustand bin Ladens ranken.

Das Gerücht mit dem breitesten Niederschlag betrifft die Insuffizenz seiner Nieren. Angeblich braucht Osama bin Laden eine regelmäßige Blutwäsche. In die Welt gesetzt hat diese Nachricht die in Hong Kong herausgegebene Wochenzeitung "Asia Week" im März 2000. Seitdem tauchte die vermutete Diagnose in mehreren Berichten auf. Verschiedentlich war auch davon die Rede, bin Laden haben sich eine mobile Dialysestation nach Kandahar liefern lassen. Dafür gab es nie eine Bestätigung, genauso wenig wie für einen angeblichen Krankenhausaufenthalt in Dubai im Juli.

Osama bin Laden selbst weiß sich bei bester Gesundheit. "Meine Nieren sind in Ordnung", beschied er den pakistanischen Journalisten Hamid Mir in einem Interview an verstecktem Ort, das im November erschien. Rein äußerlich macht er jedoch gerade diesen Eindruck nicht, auch nicht aus Sicht von Spezialisten. Gerd Offermann, Nephrologe am Berliner Universitätsklinikum Benjamin Franklin, erkennt auf den Videobildern zumindest typische Merkmale eines "unterdialysierten" Patienten, dessen Blut zu selten gewaschen wird. Er weist jedoch darauf hin, dass die anämische Erscheinung auch noch ganz andere körperliche Ursachen haben könnte.

An einen Ort gebunden wäre Osama bin Laden wegen einer solchen Krankheit nicht. Offermann kann von Patienten berichten, die mit mobilen Dialysestationen im Kofferraum in den Urlaub gefahren sind. Allerdings sind diese Gerätschaften wieder aus der Mode gekommen. Patienten, die unbedingt mobil sein müssen, wenden eher die Bauchfelldialyse an, bei der sie das Dialysat mittels eines Katheters selbst einspülen. Das könnte selbst ein geschwächter bin Laden noch schaffen.

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