Politik : Bindung boomt

JETZT IST FAMILIENZEIT

Hans Monath

Wenn es stimmt, dass Totgesagte länger leben, dann muss die Familie ziemlich lebendig sein. Weihnachten hat sie wieder als Lebensform mit Hochkonjunktur gezeigt, schön – und ganz schön anstrengend. Seit Jahren erfreut sie sich in Umfragen und Sonntagsreden höchster Wertschätzung. Nicht viel Geld oder eine glänzende Karriere stehen bei den großen Lebenswünschen von jungen Menschen obenan, sondern eigene Kinder – vielleicht auch, weil Geld und Karriere heute leichter zu haben sind als eine Familie.

Manche sehen schon Heerscharen leistungsbereiter Einwanderer über die Grenzen strömen, die im Altenheim Deutschland die betagten Bewohner pflegen und dafür sorgen, dass die Spielplätze nicht ganz leer bleiben. Da ist die Horrorvision von der schrumpfenden Zahl junger Erwerbstätiger, die künftig die Renten von Millionen Pensionären erwirtschaften sollen und den Generationen-Krieg planen. Wenn zwei Normaldeutsche sich heute entscheiden, eine Familie zu gründen, dann reichen Mut und Zeit oft nur für ein einziges Kind.

Die Mehr-Generationen-Familie, in der Großeltern, Eltern und Kinder unter einem Dach wohnen, gibt es nicht mehr. Zahlreicher als die Familien sind die Singles, die in Berlin so viel Haushalte führen wie in keiner anderen deutschen Stadt. Kinder wachsen nicht mehr auf wie in den 60er und 70er Jahren. Wie und wo soll der Nachwuchs soziale Tugenden, das Teilen und Verzichten lernen? Kaum in einer Familie, in der zwei Eltern sich mit ganzer Aufmerksamkeit einer einzigen Person widmen. Es gibt kein Vorbild für Erziehung, stattdessen viele Sorgen: Wächst da eine Generation elektronisch gerüsteter Egomanen heran, die mit fünf Jahren einen Videorecorder programmieren können, aber nicht wissen, was die Tränen im Gesicht eines Gleichaltrigen bedeuten?

Kinderarmut gilt als Zeichen der Dekadenz und des Niedergangs. In Wirklichkeit ist sie die Folge von Wohlstand, Bildung und erfolgreich durchgesetzten Ansprüchen von Frauen. Wer will ernsthaft darüber klagen, dass wir länger leben als früher? Oder darüber, dass Altersarmut fast überwunden ist? In der Großfamilie war wenig Platz für das einzelne Kind. Alle mussten anpacken, um das Überleben zu sichern. Man brauchte viele Kinder als Vorsorge fürs Alter; die Arbeitsteilung funktionierte, weil die Frauen wie selbstverständlich zurückstanden.

Lernen und Verwirklichung im Beruf sind für Frauen wichtige Ziele geworden. Potenzielle Väter und Mütter wollen heute keine Kinderschar großziehen; sie wollen das Gefühl haben, jedem einzelnen Kind gerecht zu werden. Die Familie ist kleiner geworden; die Ansprüche an das Lebensglück ihrer Mitglieder sind gewachsen. Darum ist sie nicht mehr selbstverständlich – zumal in Deutschland, wo die Infrastruktur für Kinder immer noch viel schlechter ist als in anderen Ländern.

Trotzdem wünschen sich viele Menschen dringend diese seltsame Lebensform. Es muss etwas geben, das wichtiger ist als materielle Bedürfnisse: Es ist der Wunsch, allein oder gemeinsam einen neuen Menschen ins Leben zu bringen und mit ihm zusammen die Welt neu zu erfahren. Auch wenn damit die eigene Freiheit beschnitten wird. Wer viel gibt, bekommt noch mehr zurück. Von wegen: Geiz ist geil. Bindung boomt – als ganz und gar freiwillige Entscheidung.

Kein mächtiger Brautvater hat die Hochzeit arrangiert. Kein Schielen aufs Altenteil zwingt zu vielen Kindern, im Gegenteil. Da ist kein Hof mehr, der vererbt werden, kein geheimes Handwerker-Wissen, das vom Vater auf den Sohn übergehen muss. Das heißt: Die ganze Verantwortung fürs Gelingen oder Misslingen dieses Zusammenlebens liegt bei den Menschen selbst. Weihnachten, die Zeit zwischen den Jahren ist Familienzeit. Mit Streit und Muße, schön eben – und ganz schön schwer.

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