Bio-Eier falsch deklariert : Zerbrochenes Vertrauen

Über Jahre wurden den Kunden in Deutschland massenhaft falsch deklarierte Eier verkauft. Wo Bio drauf stand, war nicht Bio drin. Wieso ist der Betrug nicht früher aufgeflogen?

von und Carolin Henkenberens
Das Vertrauen der Verbraucher ins Biosiegel dürfte einen ziemlichen Dämpfer bekommen haben. Da tröstet es wenig, dass Gerald Welde von Bioland sagt, dass die Bio-Eierproduktion der einzige industrialisierte Zweig der Ökolandwirtschaft sei.
Das Vertrauen der Verbraucher ins Biosiegel dürfte einen ziemlichen Dämpfer bekommen haben. Da tröstet es wenig, dass Gerald Welde...Foto: hagehige Fotolia

Hätte sich nicht ein Bauer in Niedersachsen über seinen Kükenlieferanten geärgert, wäre der Skandal um falsch deklarierte Bio- und Freilandeier wohl nie aufgedeckt worden. Jetzt wird nach und nach das Ausmaß eines groß angelegten Betrugs sichtbar. Das Vertrauen in Bio-Siegel ist erschüttert.
Welche Dimension hat der Skandal?
Es begann unspektakulär: In einem Zivilprozess habe ein Bauer ausgesagt, dass er zu viele Hühner für seinen Stall gekauft habe und dass das allgemein üblich sei, sagte der Leiter der Oldenburger Staatsanwalt, Roland Herrmann, der Nachrichtenagentur dpa. Der Richter habe das Landesamt für Verbraucherschutz informiert, das wiederum die Staatsanwaltschaft eingeschaltet habe. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt seit Herbst 2011 wegen Betrugsverdachts gegen 100 Betriebe in Niedersachsen. Bis der „Spiegel“ den Betrug öffentlich machte, sagte die Staatsanwaltschaft gar nichts. Und auch jetzt ist sie schmallippig.
Über den in den Medien genannten Großbetrieb Wiesengold Landei GmbH hinaus wissen auch die Öko-Landbauverbände nicht, gegen wen da ermittelt wird. Wiesengold-Chef Heinrich Thiemann betont, sein Betrieb gehöre zu Naturland. Naturland wiederum beteuert, der Verband vertrete lediglich 38 von insgesamt 279 Hennenhaltern, die mehr als 3000 Hennen halten. Im Falle Wiesengold sind das 24 000 Hennen, wie er in einem „Interview“ auf seiner Firmenhomepage sagt. Die Bio-Landbauverbände Demeter und Bioland sehen sich nicht betroffen. Beide sagen, sie verträten nur kleinere Bio-Betriebe. Gerald Wehde von Bioland sagt: „Die Bio-Eiproduktion ist vollständig industrialisiert.“ Davon setze sich sein Verband ab. Allerdings vertritt auch Bioland Betriebe, die bis zu 6000 Legehennen halten. Wer weniger Hennen hält, beliefert eher die Naturkostläden, die regionalen Märkte oder vermarktet seine Eier direkt auf dem Hof. Die Discounter und Supermärkte, die 70 Prozent der Bio-Eier verkaufen, werden dagegen von Großproduzenten beliefert. Und die haben, berichtet Wehde, alle Haltungsformen im Angebot. Nachdem die Käfighaltung Ende 2010 in Deutschland bis auf wenige Ausnahmen verboten worden war, mussten die Hühnerbarone ihre Produktion umstellen. In Niedersachsen gibt es nach Angaben des zuständigen Landesamts für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz (Laves) 1080 Eier-Produzenten. 211 werden als Öko-Ställe geführt, 495 als Freiland- und 495 als Bodenhaltung. Dabei können eben auch lediglich Betriebsteile nach der EU-Öko-Verordnung zertifiziert werden.

Lebensmittelskandale
Skandal ums Bio-Ei: Gegen 150 niedersächsische Hühnerhöfe wird derzeit wegen falsch deklarierten Eiern ermittelt. Hühnern in Freiland- oder Ökohaltung wurde ein zu geringes Platzangebot bereitgestellt. Offenbar gab es auch Fälle, in denen Eier aus Käfighaltung zu Bio-Eiern umdeklariert worden sind. Vermutlich wurde aber nicht nur in den Bio-Betrieben geschummelt. Auch bei der Käfig-, Boden- und Freilandhaltung wurden mehr Hühner als zulässig gehalten. Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Meyer sprach gegenüber der dpa von einem "systematischen Betrug". Meyer kündigte jüngst an, den betroffenen Betrieben die Betriebserlaubnis zu entziehen.Alle Bilder anzeigen
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25.02.2013 14:28Skandal ums Bio-Ei: Gegen 150 niedersächsische Hühnerhöfe wird derzeit wegen falsch deklarierten Eiern ermittelt. Hühnern in...

Hat das Kontrollsystem versagt?
Ganz offensichtlich hat das Kontrollsystem versagt. Die Öko-Kontrollstellen, die für Niedersachsen zugelassen sind, haben nach Angaben des Laves jedenfalls keine Diskrepanzen an die Behörden gemeldet. Und auch der Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen (Kat), der 5500 Produzenten kontrolliert, kann sich den Betrug kaum erklären. Kat-Geschäftsführer Caspar von der Crone weist darauf hin, dass für eine solche Falschdeklaration sowohl die Kükenbrütereien als auch die Hennenhalter selbst kooperieren müssen. Denn die Lieferanten der Hennen müssen zwei Lieferscheine ausstellen, und der Hennenhalter selbst muss zudem bei der Meldung der vermarkteten Eier schummeln. Deshalb will Kat nun auch noch die Lieferungen der Futtermittelhersteller überprüfen. Dann werde es zumindest schwerer. Zählen könnten die Kontrolleure die Zehntausende von Hühnern jedenfalls nicht. „Wenn Sie in einen Stall reingehen, sehen Sie das nicht“, sagt er. Ein Hennenhalter aus Baden-Württemberg, der anonym bleiben möchte, ist regelrecht "geschockt". "Das muss doch auffallen", sagt er. Schließlich komme das Veterinäramt mindestens einmal im Jahr zur Kontrolle, und auch die amtliche Lebensmittelkontrolle prüfe, ob ein Betrieb sauber arbeite.

Für die Ökobetriebe ist das Zertifizierungswesen offenbar ein ziemlich internationales Geschäft. Die für Niedersachsen zugelassenen Öko-Kontrollstellen sind überwiegend weltweit aktive Unternehmen, die sich überwiegend nicht zu der Frage äußern wollen, ob ihnen in Niedersachsen schon einmal Diskrepanzen zwischen der Zahl der vermarkteten Bio-Eier und der Stallgröße aufgefallen sind. Einige der Zertifizierungsstellen haben keine Eierfarmen auf der Kundenliste, wie beispielsweise der Tüv Nord. Andere haben "kein Interesse", wie beispielsweise Agreco.

Welchen Wert haben Bio-Siegel noch?
Die Bio-Siegel werden sich von dem Vertrauensverlust wohl einige Zeit nicht mehr erholen. Davon ist Ulrich Jasper von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) überzeugt. Er meint, dass wegen der stetig gestiegenen Nachfrage nach Bio-Eiern womöglich nicht so genau hingeschaut worden sei. Dass auch gegen Bio-Hennenhalter ermittelt wird, sei in der Szene aber schon seit ein paar Monaten bekannt gewesen. Die Kasseler Professorin für Tierhaltung, Ute Knierim, macht vor allem den hohen wirtschaftlichen Druck auf die Hennenhalter für den Skandal verantwortlich. Sie sagt aber auch, dass die Haltungsverordnungen für die Bio-Hennen verschärft werden sollten. Ihr kommt es dabei vor allem darauf an, dass die Hennen tatsächlich auch ins Freie kommen. Denn meistens bleiben sie im Stall. Einigen Produzenten dürfte das sogar recht sein.

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