Bioenergie : Auf dem Holzweg

Regierungsberater schlagen Ende der Biospritförderung vor und fordern globales Landmanagement. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hält die Kritik der Wissenschaftler für unbegründet.

Dagmar Dehmer
242930_0_3b8c3fb7.jpeg
Foto: dpa

Berlin - Mit Bioenergien lässt sich das Klima nicht retten, aber sie führen auch nicht zu weltweiten Hungerkrisen. Jedenfalls dann nicht, wenn sie nachhaltig eingesetzt werden. Das ist die Kernaussage des Gutachtens des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltvorsorge (WBGU) zur globalen Nutzung von Bioenergie. Die Regierungsberater halten es für schwierig aber möglich, die Nutzungskonflikte um Land zu lösen. Nachhaltig erzeugte Bioenergie könnte einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, und sie könnte die Energiearmut von Milliarden Menschen in Entwicklungsländern überwinden helfen.

Die Wissenschaftler schätzen das Potenzial hoch ein. Rund ein Viertel des weltweiten Energieverbrauchs könnte aus Abfall- und Reststoffen sowie überwiegend mehrjährigen Energiepflanzen gedeckt werden. Derzeit sind es rund zehn Prozent. Der Löwenanteil, nämlich 90 Prozent entfällt auf die traditionelle Biomasse. Mehr als 2,5 Milliarden Menschen weltweit verbrennen Holz, Holzkohle oder Kuhdung direkt in ihren Hütten – mit verheerenden gesundheitlichen Folgen. Rund 1,5 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an dieser Luftverschmutzung.

Doch „die Risiken sind erheblich“, sagte Professor Jürgen Schmid bei der Vorstellung des Gutachtens. Um sie zu mindern brauche es Nachhaltigkeitsstandards, die möglichst weltweit anerkannt werden. Einen Anfang könnte die Europäische Union mit einer Nachhaltigkeitsverordnung für Bioenergien machen. Bisher wird in der EU jedoch nur über Biosprit verhandelt. Es soll zwar ausgeschlossen sein, dass Palmöl, für dessen Anbau der Regenwald beispielsweise in Indonesien gerodet wurde, auf die Biospritquoten angerechnet werden könne. Nutzungen bei der Stromerzeugung etwa in kleinen Heiz- und Stromkraftwerken – in Deutschland sind das nach Auskunft von Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) immerhin 1100 – sind aber nicht ausgeschlossen. Auch die indirekte Verdrängung, dabei wird Regenwald für andere Kulturen gerodet, weil auf vorhandenem Ackerland Energiepflanzen angebaut werden, kommt im EU-Entwurf bisher noch nicht vor.

Außerdem weist Schmid darauf hin, dass eine nachhaltige Bioenergienutzung, die auch die Ernährungssicherheit im Blick behält, nur dann möglich ist, wenn es ein „globales Landmanagement“ gibt.

Die bisherige Förderpolitik für Biosprit hält der Rat für einen Irrweg. Schmid sagte, wenn beispielsweise Holz aus Kurzumtriebsplantagen in Biosprit der zweiten Generation umgewandelt würde, enthielte das Endprodukt nach der Umwandlungskette noch die Hälfte der ursprünglichen Energie. Da wäre es klimapolitisch effizienter, den Rohstoff bei der Strom- und Wärmeproduktion, oder auch nur bei der Stromproduktion einzusetzen. Das wollte Gabriel nicht verstehen. Er sprach zunächst von einem „Missverständnis“. Die Wissenschaftler blieben jedoch bei ihrer Position. „Da sind wir präzise anderer Meinung. Die Biokraftstoffstrategie werden wir nicht ändern“, kündigte Gabriel an. Allerdings ist das WBGU-Gutachten nicht das erste, das ein Ende der Biospritproduktion anrät. Auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen war vor etwa einem Jahr zum gleichen Schluss gekommen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hält die Biospritproduktion für die Einsatzform, die die „höchsten Kohlendioxidvermeidungskosten“ verursacht.

Das vollständige Gutachten

im Internet: http://www.wbgu.de/wbgu_jg2008.html

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar