Biosprit E10 : Nachwachsender Konfliktstoff

Von der EU ging die Initiative zur Nutzung erneuerbarer Rohstoffe im Verkehrsbereich aus. Wie sieht es heute mit der Umsetzung in den Mitgliedsstaaten aus?

Bei der Europäischen Union versuchte man am Freitag, dem Eindruck entgegenzuwirken, dass der E-10-Sprit eine europäische Erfindung sei. Joe Hennon, Sprecher von EU-Umweltkommissar Janez Potocnik, wies auf Anfrage darauf hin, dass es „keine Verpflichtung“ gebe, den Kraftstoffen Biosprit beizumischen. Vielmehr existiere seit Anfang dieses Jahres lediglich die „Erlaubnis zwischen null und zehn Prozent beizumengen“. Ob Mitgliedstaaten von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, liegt demnach allein in deren Ermessen. Neben der Berliner Koalition haben sich nach Angaben der Brüsseler Behörde auch die Regierungen in Frankreich und den Niederlanden für das nun so umstrittene E-10-Gemisch entschieden.

Die EU-Gesetzgebung gibt im Rahmen des 2007 vereinbarten Klimapakets zwar tatsächlich ein Zehn-Prozent-Ziel vor. Allerdings geht es dabei nur um die allgemeine Regel, dass zehn Prozent der im Verkehrsbereich eingesetzten Energie aus erneuerbaren Quellen stammen muss. Wie sie umgesetzt wird, obliegt den Ländern.

Wer in Frankreich den Biokraftstoff E10 tanken will, muss lange suchen. Nur jede fünfte der 12 400 Tankstellen zwischen Calais und Marseille ist mit Zapfsäulen für den Treibstoff mit dem zehnprozentigen Ethanolanteil ausgerüstet. Der Anteil des sogenannten Biobenzins am Gesamtverbrauch an Benzin betrug in Frankreich Ende 2010 nur 13 Prozent. Knapp zwei Jahre nach der von viel Publicity begleiteten Einführung des grünen Benzins am 1. April 2009 ist das Land von dem angestrebten Ziel einer breitflächigen Versorgung des Marktes noch weit entfernt. Der E10 ist in Frankreich bisher nur ein Nischenprodukt. Eine Erklärung dafür mag sich aus der Tatsache ergeben, dass der Anteil alter Autos, die mit diesem Sprit nicht gefahren werden können, in Frankreich höher ist als in den Nachbarländern. Mehr dürfte jedoch ins Gewicht fallen, dass das Argument mit diesem Sprit etwas für die Umwelt zu tun, selbst in der Politik nicht zieht. Als das Gesetz über den E10 verabschiedet wurde, räumte die Mehrheit im Senat ein, dass der neue Sprit weniger der Umwelt als den Rübenanbauern nützt.

Als Vorreiter bei der Verwendung natürlicher Rohstoffe zur Treibstoffherstellung gilt in Europa Schweden. Schon seit Jahren werden dort dem Kraftstoff größere Mengen Ethanol beigefügt. Nach Angaben aus der Ethanolbranche gibt es in dem Land derzeit etwa 1400 Tankstellen – mehr als ein Drittel des nationalen Tankstellennetzes –, die E85 anbieten, also Kraftstoff mit einem Ethanolanteil von 85 Prozent. Die Autoindustrie bot zunehmend Fahrzeuge mit Motoren an, die mit beliebigen Ethanol-Benzin-Mischungen zwischen null und 85 Prozent „gefüttert“ werden können. Diese Flexible Fuel Vehicles (FFV) sind in Schweden seit 2001 im Handel, etwa von den Herstellern Ford, Saab und Volvo. Bislang wurden rund 100 000 solcher Fahrzeuge in Schweden verkauft, ihr Marktanteil beträgt etwa sechs Prozent. Der Staat fördert den Kauf umweltfreundlicher Neuwagen mit umgerechnet rund 1100 Euro. Das Land hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 ganz und gar unabhängig von mineralischen Kraftstoffen zu werden. chz/hhb/sc

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