Politik : Biotechnologie: Eigene Ethik für Embryonen?

Rainer Woratschka

Die Pharmalobby und der Forschungs-Staatssekretär als Mahner und Bremser, ein Theologe als Beschwichtiger: Bei der Biotechnologie-Diskussion im Berliner Haus der Evangelischen Kirche am Montagabend schienen sich die Fronten verkehrt zu haben. Nur bei André Rosenthal, dem Molekularbiologen und Humangenom-Erforscher aus Jena, war die Position klar. Die Schutzwürdigkeit der Embryonen dürfe nicht "alles andere überdecken", mahnte er. Und: Wer therapeutisches Klonen ablehne, versage Hunderttausenden leidender Menschen die ersehnten und möglichen Therapien.

Andreas Barner, Mitgeschäftsführer der Boehringer Ingelheim GmbH, hingegen predigte Zurückhaltung. Nur in Bereichen mit gesellschaftlichem Konsens wie der Gewinnung von Humaninsulin werde man sich engagieren. Bei anderen, wie Stammzellenforschung oder Keimbahn-Eingriffen, "sollte die Industrie sehr sehr zurückhaltend sein".

Der Parlamentarische Staatssekretär Wolf-Michael Catenhusen (SPD) fragte, ob man technisch erzeugte Embryonen künftig einer "Sonderethik" unterwerfen wolle. Er sehe eine "zunehmende Verschränkung von Grundlagenforschung und kommerziellen Interessen". Und geradezu "allergisch" reagiere er auf die "Heilsversprechen einer Wissenschaft, die gerade wieder eine neue Frontlinie überschritten hat". Damit bezog sich der Politiker auf Rosenthals euphorischen Ausblick auf die schöne neue Medizinerwelt: die Produktion kompletter Organe aus embryonalen Stammzellen, eine individualisierte, chipbasierte Diagnostik und eine regelrechte "Flut neuer Arzneimittel". Zur Realisierung all dessen sei aber eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes nötig, sagte Rosenthal. Zehntausende überzähliger Embryonen "gammelten" in den Kühlschränken deutscher Reproduktionsmediziner; es zeuge von Doppelmoral, diese nicht für Forschungszwecke nutzen zu dürfen.

Mehr noch: Der Professor bezeichnete sich als "mutig genug", auch die gezielte Embryonenproduktion für verbrauchende Forschung zu fordern. Doch nicht einmal dieses Plädoyer provozierte den evangelischen Theologen Klaus Tanner zum Widerspruch. Dieser diagnostizierte lieber eine "neue Ökumene von Nein-Sagern" in Kirchen-Kreisen und warnte davor, Moral und Ökonomie gegeneinander auszuspielen.

So kam die Kritik aus dem Publikum. Ob er den Gegnern verbrauchender Embryonenforschung Feigheit unterstelle, wollte ein Mitarbeiter des Bundespräsidialamtes von Rosenthal wissen. Und ab welchem Alter er Embryonen denn Lebensrecht und Menschenwürde zugestehe. Der Forscher parierte gelassen. Bei 14 Tagen würde er die Grenze ziehen, sagte er. Bekanntlich entstünden ja danach erst die Nervenzellen.

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