Bioterrorismus : Amerika sucht immer noch den Anthrax-Mörder

Im Herbst 2001 versetzten vergiftete Briefe die USA in Panik. Jetzt hat sich ein Hauptverdächtiger umgebracht. Eine Art Geständnis?

Christoph von Marschall

WashingtonIst das die Lösung des Rätsels, sechseinhalb Jahre nachdem Briefe mit dem hochgiftigen Anthrax die USA in Panik versetzt hatten? Bruce Ivins, auf den sich die Ermittlungen zuletzt konzentrierten, hat Selbstmord begangen. Eine Art Geständnis? Es könnte aber auch sein, dass der Druck der Verdächtigungen und Verhöre nur eine weitere Existenz vernichtet hat und auf ewig ungeklärt bleibt, wer hinter dem tödlichsten Bioterrorangriff in der Geschichte Amerikas steckt.

Es geschah in den Tagen nach dem Anschlag auf das World Trade Center 2001, die Trümmer in New York rauchten noch, die Welt trauerte um 3000 Tote. In zwei Wellen wurden am 18. September und 9. Oktober insgesamt sieben Briefe mit Anthrax verschickt, Poststempel Trenton, New Jersey. Sie gingen an Zeitungen, Fernsehsender sowie die Büros von zwei Senatoren. Fünf Menschen starben, 17 erkrankten schwer. Das Land stand noch unter dem Schock des Angriffs mit Passagierflugzeugen. Nun schien ein weiterer, viel diskutierter Horror Realität zu werden: Bioterrorismus.

In den Fokus der Ermittler gerieten freilich bald die Leute, deren Beruf es ist, die USA vor Biowaffen zu schützen: die Experten der Streitkräfte in Fort Detrick, 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt Washington. Anthrax ist zwar hochgefährlich, aber keine Allerweltswaffe. Nur Spezialisten haben Zugang zu dem Stoff, und man braucht Fachwissen, um es anzuwenden. Die Untersuchungen betrafen nach US-Medienberichten 20 bis 30 Namen.

Im August 2002 hob Justizminister John Ashcroft einen davon heraus: Steven Hatfill, ein Forscher in den Army-Laboratorien. 2003 reichte Hatfill Klage wegen Rufschädigung ein, das Verfahren endete kürzlich mit einer Entschädigung von 5,8 Millionen Dollar für Hatfill.

Seit Mitte 2006 galt Ivins als Hauptverdächtiger. Arbeitskollegen schildern ihn als Inbegriff eines strebsamen Wissenschaftlers: fleißig, freundlich, stets zu Überstunden bereit. 2003 hatte er die höchste Auszeichnung des Pentagon für Zivilisten bekommen. Angeblich stand die Anklage jetzt kurz bevor. Insider behaupten, es habe bereits Verhandlungen zwischen Justiz und Ivins Anwalt über Strafmilderung gegen Aussagebereitschaft gegeben. Der Selbstmord mit einer Überdosis Tabletten als Geständnis – das ist die eine Version des Dramas.

US-Zeitungen erörtern aber auch eine andere Interpretation. Ivins sei parallel zu den Ermittlungen psychisch erkrankt. Er wurde depressiv, er stieß Morddrohungen aus gegen Kollegen und seinen Therapeuten. Im März war er bewusstlos zu Hause aufgefunden worden. Im Juli wurde er vorübergehend in die Psychiatrie eingewiesen, nachdem er im Labor sehr plastisch gedroht hatte, was er mit Waffen anstellen könne und gegen wen. Auch die Beweise gegen Ivins, schreibt die „Washington Post“ seien eher dünn.

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