Politik : Biowaffen: Drohbriefe mit Waschpulver gefüllt

Frank Jansen

Polizei und Verfassungsschutz haben bislang keine Hinweise auf eine mögliche Beteiligung von Extremisten an der Serie von Drohungen mit Milzbranderregern. "Es handelt sich wahrscheinlich um Spinner", sagte ein Sicherheitsexperte, der namentlich nicht genannt werden wollte. Auch beim Bundeskriminalamt, das noch nicht in die Fahndung einbezogen wurde, gelten Trittbrettfahrer ohne extremistischen Hintergrund als die Haupttatverdächtigen.

Mit Sorge sehen die Sicherheitsbehörden die Entwicklung in den USA. Am Mittwoch gaben die Behörden eine dritte Milzbrand-Infektion in Florida bekannt. Bei einer Mitarbeiterin des Unternehmens American Media fanden sich in der Nase Spuren des Erregers Anthrax. Nach Informationen deutscher Experten ist nicht auszuschließen, dass amerikanische Rechtsextremisten mit den Vorfällen zu tun haben.

Die jüngste Drohung in Deutschland traf Wiesbaden. Dort wurden am Donnerstag neun Briefe entdeckt mit Aufschriften wie "Vorsicht Milzbrand" und "Der Dschihad hat begonnen". Zum "Dschihad", dem heiligen Krieg, hatte der Terroristenführer Osama bin Laden kurz nach dem Beginn der US-Bombardements in Afghanistan aufgerufen. Bei der Bayer AG in Leverkusen ging ein Brief mit einem weißen Pulver ein. Alle Schreiben werden untersucht. In München wurde bei einem Großeinsatz von rund 30 Polizisten und 40 Feuerwehrleuten in einem Postamt ein Brief sichergestellt, der die Androhung eines Bakterienangriffs enthielt. Wenige Stunden später wurde ein 19-jähriger Mann als mutmaßlicher Absender festgenommen. Der Umschlag hatte weißes Pulver enthalten, bei dem es sich nach Aussage des Täters um Waschpulver handelte. Am Mittwoch hatte im hessischen Schwalbach ein Brief an eine Firma Unruhe ausgelöst. Die Sendung erwies sich als harmlos.

Dass linke, rechte oder ausländische Extremisten - abgesehen von islamistischen Terroristen - mit Milzbranderregern drohen oder sogar Anschläge vorbereiten könnten, schließen die deutschen Behörden weitgehend aus: Es würden nicht einmal entsprechende Diskussionen in den einschlägigen Szenen registriert. Für deutsche Linksextremisten kämen massenmörderische Anschläge prinzipiell nicht in Frage. Neonazis seien zwar bereit, bei Gewalttaten viele Tote in Kauf zu nehmen. Es fehle jedoch das historische Vorbild. "Hitler hat im Krieg auf den Einsatz von Giftgas verzichtet", sagte ein Experte, "hätte er es eingesetzt, wäre heute auch eine andere Bedrohung durch rechte Gewalt zu erwarten." Wenn die Rechtsextremisten "aufmuskeln, dann im traditionellen Bereich, mit Schusswaffen und Sprengstoff - so, wie das Reich gekämpft hat."

In den USA drohen allerdings militante Rechtsextremisten, bei Anschlägen den Milzbranderreger Anthrax einzusetzen. Unter der Überschrift "Biologie für Arier" habe der Szene-Publizist Alex Curtis im Internet eine detaillierte Gebrauchsanweisung zur Herstellung und zum Einsatz von hochgiftigen Substanzen wie Milzbranderregern und Typhuskulturen angeboten, berichtete kürzlich Thomas Grumke, unabhängiger Berliner Experte für US-Rechtsextremismus, im SPD-nahen Informationsdienst "Blick nach rechts". Curtis sitzt inzwischen in Haft.

Die Gefahr bleibt. Vor zwei Jahren nahm die US-Polizei ein Ex-Mitglied der Gruppe Aryan Nations fest. Der Chemiker transportierte in seinem Auto Milzbranderreger. 1995 konnte laut Grumke die Lieferung von Pest-Erregern an ein weiteres Ex-Mitglied der Aryan Nations noch rechtzeitig abgefangen werden.

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