Birma : "Das Militär ist ein großes Geheimnis“

Trotz der Sturmkatastrophe lassen die Machthaber in Birma über die umstrittene Verfassung abstimmen – in Rangun kommt derweil die Hilfe nur schleppend an. Die ganze Stadt gleicht einem Räumkommando.

Birma
Nur wenig der weltweiten Hilfsgüter findet seinen Weg nach Birma. -Foto: dpa

RangunEine Woche ist es her, dass in der Nacht vom zweiten auf den dritten Mai der Zyklon Nargis über Birma hinwegraste, aber selbst die ehemalige Hauptstadt Rangun ist noch weit von der Normalität entfernt. Die Hauptstraßen sind befahrbar, das heißt, Bäume sind von den Fahrbahnen geschleppt und ihre Kronen soweit gestutzt, dass Autos durchkommen – Fußgänger müssen sich den Platz oft mit ihnen teilen.

Ganz Rangun sah noch am Samstag aus wie ein großes Räumkommando, wenn auch schon in der Frühe viele Helfer in der schwülen Hitze eine Pause einlegten. Mauern und Zaun der großen Pagode sind vom Zyklon gezeichnet, aber sie ist wieder offen. Am Hafen liegen Boote mit der Rotkreuzflagge. Sie wollen Wasser verteilen. Unter manchem zerborstenen Baum bieten längst Garküchen und Rikschafahrer ihre Dienste an. Dass die Äste drohend baumeln, scheint sie nicht zu kümmern. Sie müssen etwas verdienen.

In Rangun wählen sie an diesem Samstag nicht. Rangun ist eines der 47 Katastrophengebiete, die erst am 24. Mai über die umstrittene neue Verfassung abstimmen. So ist in der ehemaligen Hauptstadt nur auf einem schlechten Fernsehbild vom Referendum über die Verfassung zu hören, die dem Militär die Macht sichern soll. Am Nachmittag um vier Uhr wurden die Wahllokale geschlossen. Das Ergebnis soll aber erst bekanntgegeben werden, wenn auch die fehlenden 20 Prozent der Birmanen abgestimmt haben, heißt es. Aber viele zweifeln, dass es eine faire Abstimmung ist. „80 Prozent der Leute sind heute gebeten, abzustimmen, oft gezwungen,“ sagt einer bitter.

Die Militärmachthaber lassen noch immer kaum Hilfe ins Land. Am Samstag haben sie erneut einen Hilfsflug des Welternährungsprogramms (WFP) beschlagnahmt. Dafür haben die Generäle inzwischen angefangen, Hilfsgüter zu verteilen. Das Staatsfernsehen zeigt Generäle, die Kisten an Bedürftige ausgeben. Auf die Kisten sind groß die Namen von Militärs gedruckt. Auf einer Kiste ist der Name des Generalleutnants Myint Swe zu lesen, darunter der kleine Aufdruck: „Hilfe aus dem Königreich Thailand“. Noch immer gibt es keine Visa für UN-Mitarbeiter. Aber zumindest die Hilfsflüge des Roten Kreuzes werden offenbar nicht behindert. Die Verteilung übernimmt das örtliche Rote Kreuz in Birma.

Die Wolken hängen so tief und dicht am Himmel, dass man meinen könnte, sie wollten das Elend am Boden verdecken. Mittags dann ergießt sich eine neue Sturzflut über die Stadt. Wer in einer der alten Kolonialbauten am Stadtrand oder in festen Häusern wohnt, hat meist Glück gehabt. Kleinere Schäden an den Dächern haben viele Menschen selbst behoben.

Ein paar Kilometer außerhalb im Westen der Metropole aber warten die meisten Menschen noch immer auf Hilfe. Hier im Armenviertel Kyimyindine jenseits des Hlaing-Flusses leben 1300 Familien – 300 von ihnen sind nun obdachlos. „Unsere Hütte und alles, was wir hatten, ist im Fluß versunken“, sagt Thitaoo. In der ersten Nacht hat die 40-Jährige mit ihrem Mann und den sechs Kindern bei Freunden Unterschlupf gefunden. Am nächsten Morgen haben sie sich auf den Weg zur Schule gemacht. Dort wohnen sie jetzt, Unterricht gibt es nicht. Am Eingang hat die Regierung eine klitzekleine Krankenstation mit einer Schwester eingerichtet. Dort gibt es Tabletten gegen Fieber und Parasiten. Thitaoo hat noch ein paar ausgetretene FlipFlops und eine zu enge rosa Bluse, das dunkle Haar hat sie mit einem froschgrünen Kamm hochgesteckt. Wie es weitergehen soll? Sie weiß es nicht. „Dazu hat noch niemand etwas gesagt.“

Ein paar hundert Meter weiter sind weitere 75 Familien bei Mönchen im Kloster Chaungwa untergekommen, rund 500 Menschen. Normalerweise leben hier 30 erwachsene Mönche und 15 Mönche im Jungenalter. Unter den Flüchtlingen ist U Shwelin. 81 Jahre alt sei er, sagt der Mann, der auf Brust und Armen Tempeltätowierungen trägt. Ein einsames langes weißes Barthaar schlängelt sich aus seinem faltigen Kinn. „Wir haben alle unsere Häuser verloren. Wir haben nur noch das, was wir auf dem Körper tragen“, erzählt er und hebt immer wieder die Arme. Irgendjemand hat ihm ein Tank-Top mit einem Playboyhasen vermacht. Unter dem notdürftig geflickten Wellblechdach des Klosters hat U Shwelin mit seinen fünf Kindern und den „vielen, vielen Enkeln“ Obdach gefunden. Er lacht, wie viele das sind, kann er beim besten Willen nicht sagen. Ihn und seine Frau haben die Kinder gerettet, die sie in der Nacht holen kamen, als es mit dem Sturm so richtig losging. „Im Wetterbericht hatten sie gesagt, dass ein Sturm kommt. Aber wir hatten gedacht, das ist wie immer: Wind und Regen.“ Doch zwischen zehn und elf Uhr war klar, dass es diesmal anders sein würde. „So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt, wir sind um unser Leben gerannt.“ Und dann sind sie ins Kloster geflohen. „Wenn wir ein Problem haben, gehen wir immer ins Kloster“, sagt der alte Mann in seinem traditionellen Longyi-Wickelrock. Heute hat er so viel Geld bekommen, wie die meisten hier am Fluss mit Glück in einer Woche verdienen. Fünf Dollar. Dafür kann er zweieinhalb Kilo Reis kaufen. Im Kloster bekommen sie zwar etwas zu essen, aber das reicht nicht. Eine Mitarbeiterin des Ranguner Reiseveranstalters Exotissimo hat bei Freunden und Kunden 1000 Dollar für die hier Leute gesammelt. Mit großen Beifall wird das Geld übergeben.

Im Kloster bei den Mönchen übergibt die Firmenchefin Su Su mit einer Delegation der in Rangun und den Nachbarländern tätigen Firma 4000 Dollar. Auch ein weiterer asiatischer Partner hat geholfen. Hier soll ein Krankenhaus entstehen. Die 8000 Menschen der Umgebung haben so etwas nicht. „Das haben wir direkt nach dem Zyklon entschieden. Innerhalb von zwei Tagen waren die Pläne fertig“, sagt die tatkräftige Frau mit den ruhigen dunklen Augen. Sie selbst ist mit ihrer Familie erstmal ins Hotel gezogen. Zu Hause haben sie keinen Strom. Das heißt, sie können auch kein Wasser pumpen. Der Chef des Klosters spricht in seiner roten Robe von einem rosa Plastikstuhl mit den auf dem Boden sitzenden Gästen. Direkt neben dem Kloster soll die Gesundheitsstation entstehen.

Im Moment ist das Baugelände allerdings ein großes Wasserbecken. Der Zyklon hat das Wasser aus dem Fluss bis an die Klostermauern gedrückt. Der Schulneubau, den sie vor einem Monat angefangen hatten, sieht aus wie ein garstiges Skelett. Die Wellblechbahnen leuchten zwar noch, aber sie ragen auf wie hohle Zähne. Die Regierung habe nur die Krankenschwester und ein bisschen Reis geschickt, sagen sie, es klingt enttäuscht.

Der oberste General, Than Shwe hat sich noch immer nicht zu Wort gemeldet. „Noch nicht“, sagen sie achselzuckend in Rangun. „Aber das Militär, das ist immer ein großes Geheimnis. Sie haben auch den Umzug der Haupstadt erst verkündet, als sie es schon getan hatten.“ Manche sind deutlich verärgert. Aber im Moment haben die Menschen noch viel zu viel damit zu tun, ihr Überleben zu sichern. Und der Wiederaufbau, der werde wohl eher mit privaten Spenden laufen, nicht über die Regierung, ist zu hören. Brauchen sie die Regierung, wenn sie nicht hilft? „Lassen Sie es uns diplomatisch sagen: ha, ha, ha.“ (Tsp)

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