Birma : Die Hoffnung trägt nur einen Namen

Die freigelassene Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi hat den Menschen in Birma eine Woche nach der Wahl, die keine war, wieder Hoffnung gegeben auf einen Schritt in Richtung Demokratie.

Richard Licht
Birmas Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi (links) begrüßt ihre Anhänger.Weitere Bilder anzeigen
Foto: AFP
14.11.2010 19:09Birmas Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi (links) begrüßt ihre Anhänger.

Ihr Lächeln ist zurück. Eine Woche nach der großen Enttäuschung bei der so genannten Wahl in Birma hat auch Soe Soe neue Hoffnung geschöpft. Die Hoffnung hat einen Namen: Aung San Suu Kyi. Sehr sorgfältig hat die Polit-Aktivistin die Rede der von den Generälen diesmal nach mehr als sieben Jahren frei gelassenen Dauergefangenen studiert. Wieder und wieder haben sie am Sonntag die Aufnahmen abgehört, die sie mittags vor der Parteizentrale gemacht hatten, um zu hören, was die Lady vor Zigtausenden ihrer Anhänger mitgeteilt hat. „Das ist sehr positiv“, sagt Soe Soe und zieht die Buchstaben in die Länge.

Westliche Beobachter waren tief beeindruckt vom Auftritt der 65-Jährigen nach dem langen Arrest. „Eine charismatische Lichtgestalt“ nannte sie einer sogar im Vergleich zu den so drögen Generälen. Mancher war erstaunt, wie jugendlich sie wirke und wie klar sie sich sofort wieder für das Ziel der Demokratie und der Meinungsfreiheit ausgesprochen hat, wie deutlich sie gemacht hat, dass für sie ihre Nationale Liga für Demokratie, NLD, weiterhin eine politische Partei und nicht etwa eine Hilfsorganisation ohne politischen Anspruch ist. Die Junta hatte die NLD im Zuge der Wahlvorbereitung als Partei aufgelöst, weil sie zum Boykott der Wahlen aufgerufen hatte.

Doch Soe Soe hat einen entscheidenden Unterschied festgestellt zu Auftritten der Friedensnobelpreisträgerin von damals, vor der letzten Verhaftung. „Sie ist schon älter geworden. Etwas ruhiger, aber vor allem klarer. Sie weiß jetzt, wo der Fokus ist“, glaubt sie herausgehört zu haben. Um zu unterstreichen, was sie meint, lässt sie ihren Arm mit der Handkante nach unten fallen, als wollte sie die Luft durchtrennen: „So macht sie es nicht mehr“, lächelt Soe Soe unter ihrem leicht glitzernden Rouge. Offenbar habe Suu Kyi wirklich viel Radio gehört und gemerkt, dass ihr kompromissloser Weg sie nur immer wieder ins Gefängnis, das Volk aber nicht weiter führt. „Jetzt macht sie es geschickter“, sagt die Birmanin und lässt ihren Arm durch die Luft schlängeln. Sie hat sehr genau zugehört, dass Suu Kyi mit allen Kräften reden will – und dass Demokratie Menschen brauche, die für sie arbeiten. Soe Soe hat es so verstanden, dass das Menschen sind wie sie. Die Wahlaktivisten hatten befürchtet, Suu Kyi würde sich möglicherweise gegen sie stellen, hatte sie doch zum Boykott aufgerufen.

Zuerst müsse Suu Kyi wohl Differenzen in ihrer NLD schlichten, mutmaßt Soe Soe. Schon am Montag machte Suu Kyi sich wieder auf in die Parteizentrale, diesmal in mintfarbener Langarmbluse, farblich etwas dunkler abgestimmtem Rock - und natürlich Blumen im Haar.
Soe Soe hofft, dass die oft sehr strengen Exil-Birmanen ihre Landsleute daheim jetzt ihren Weg gehen lassen. „Sie reden immer von Demokratie, aber sie haben ihre Geschäfte in Brüssel oder London und haben da ein bequemes Leben.“ Natürlich würde sie diese Menschen nie offen kritisieren, sie dürfen auch ihre Meinung haben.

Aber Soe Soe ist der Meinung, dass es keinen Sinn macht, auf der Straße laut zu demonstrieren. Dann würden die Militärs sofort wieder zuschlagen. „Unser Leben hier ist schrecklich, aber laut zu schreien bringt uns nicht weiter.“ Sagt das nur der Kopf oder auch der Bauch? Sie wird es nicht offenbaren. Auf ruhigem Weg lasse sich ein bisschen etwas erreichen. Das, so meint sie, denke jetzt wohl auch Suu Kyi. Sie habe sich vorsichtig geäußert. „Sie geht nicht wieder ins Gefängnis“, meint Soe Soe. „Es wird nicht über Nacht passieren. Wir haben noch längst keinen Wechsel, aber es bewegt sich etwas.“

Soe Soe macht das vor allem an der Berichterstattung über die Freilassung Suu Kyis fest. „Die Journalisten haben am Samstag Bilder gemacht, am Sonntag Bilder gemacht. Normalerweise wurden sie bei so etwas immer gefilmt, um Mitternacht kam dann die Polizei, und die Leute kamen nie wieder. Die Journalisten, die am Samstag und Sonntag berichtet haben: Sie sind alle noch da. Sie berichten weiter.“ Sollten die Generäle wirklich ein klein wenig Öffnung üben oder warten sie nur, bis sich die internationale Aufmerksamkeit wieder etwas gelegt hat?

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