Birma : Helfer befürchten anderthalb Millionen Tote

Hilfsorganisationen schlagen Alarm: Wegen der schlechten hygienischen Bedingungen könnte sich die Zahl der Todesopfer nach dem Wirbelsturm um ein 15-faches erhöhen. Unterdessen ist ein Boot des Roten Kreuzes in Birma gesunken. Die Besatzung konnte sich retten, Hilfsgüter für etwa 1000 Menschen gingen verloren.

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Sauberes Wasser ist derzeit mit das Wichtigste für die Menschen in der birmanischen Krisenregion. -Foto: dpa

Die Hilfsorganisation Oxfam befürchtet als Folge des verheerenden Zyklons eine Fortsetzung des Massensterbens in Birma, wenn die Überlebenden nicht bald mit sauberem Wasser und Sanitäranlagen versorgt werden. Bei den unhygienischen Zuständen in den behelfsmäßigen Notunterkünften sei der Ausbruch von Seuchen nur noch eine Frage der Zeit, warnte die Direktorin für Ostasien, Sarah Ireland, am Sonntag in Bangkok. Oxfam ist eine der weltweit erfahrensten Hilfsorganisationen vor allem für Trink- und Abwasser in Katastrophengebieten.

"Mehr als 100.000 Menschen sind wahrscheinlich tot, und alles deutet auf eine weitere Katastrophe hin, die diese Zahl um ein 15-faches erhöhen könnte", sagte Ireland. Nach Angaben der Militärjunta in Birma ist die Zahl der Toten durch den Killer-Zyklon "Nargis" jetzt auf über 28.400 gestiegen. Der von der Junta kontrollierte Sender MRTV gab die genaue Zahl der Opfer am Sonntag mit 28.458 Toten und 33.416 Vermissten an. Zuvor war offiziell von 23.000 Toten und 37.000 Vermissten durch die Unwetterkatastrophe vom 2. und 3. Mai die Rede.

Unterdessen hat das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen am Sonntag die Hilfsflüge ins Katastrophengebiet wieder aufgenommen. Drei Flugzeuge seien bis zum Nachmittag mit Einwilligung der lokalen Behörden in Rangun gelandet, teilte das WFP-
Logistikzentrum UNHRD (United Nations Humanitarian Response Depots) in Brindisi mit. Eine weitere in Brindisi gestartete Maschine mit Zelten und Systemen zur Wasserreinigung wurde am Abend in Rangun erwartet. Die Organisation hatte die Luftbrücke am Freitag vorübergehend eingestellt, nachdem 38 Tonnen Hilfsgüter von der Militärjunta in Birma beschlagnahmt worden waren.

THW bereitet Einsatz vor

Ein Konvoi des Malteser-Hilfsdienstes (MHD) mit medizinischer Ausrüstung ist zum besonders verwüsteten Irrawaddy-Delta unterwegs. Auch das Technische Hilfswerk bereitet sich auf einen Einsatz in Birma vor. In der Zentrale für Auslandslogistik in Rüsselsheim würden technische Ausstattung, Material, Gerät und Fahrzeuge aus dem gesamten Bundesgebiet für einen möglichen Einsatz zusammengezogen, teilte die THW-Zentrale am Sonntag in Bonn mit.

Einen Rückschlag gab es unterdessen für die Hilfsbemühungen des Internationale Roten Kreuzes (IFRC). Ein Boot der Organisation sank am Sonntag bei einem Hilfseinsatz. Wie das IFRC in Genf mitteilte, war das Boot von der Hafenmetropole Rangun nach Mawlamyinegyun unterwegs, als es gegen einen untergegangenen Baum gestoßen sei. Die Besatzung des Bootes und vier birmanische Mitarbeiter des Roten Kreuzes hätten sich in Sicherheit bringen können, aber die Hilfsgüter für etwa 1000 Menschen seien verloren. Der Einsatzleiter in Rangun, Michael Annear, sagte, es müssten jetzt neue Wege für die Hilfstransporte gefunden werden.

Ein BBC-Reporter, der eine Kamera in das Irrawaddy-Delta geschmuggelt hatte, zeigte am Sonntag Aufnahmen aus einem Krankenhaus. Ohne Wasser, ohne Strom und ohne Medikamente versuchten dort ein Arzt und wenige Schwestern tausende Opfer zu versorgen. "Die Situation ist völlig außer Kontrolle", sagte der Arzt Saw Simon Tha. "Wir haben unzählig viele Patienten und keine Medikamente."

Chaotische Verteilung von Hilfsgütern

Peter Rottach, Mitarbeiter der Diakonie Katastrophenhilfe berichtete: "Im Irrawaddy- Delta sind manche Dörfer zu 100 Prozent zerstört." Noch immer würden Leichen und Viehkadaver aus dem Wasser geborgen. Die Verteilung von Hilfsgütern laufe zum Teil völlig chaotisch. Eine 56-jährige Frau habe erzählt, dass sie vier Tage lang nichts zu essen hatte.

Die Militärjunta wies Vorwürfe zurück, dass die Hilfe die Opfer nicht erreiche. Das seien Gerüchte, sagte der stellvertretende Außenminister U Kyaw Thu nach einem Bericht des Staatsorgans "Neues Licht von Birma". Alles werde umgehend ins Katastrophengebiet gebracht.

Deutschland und Thailand appellierten gemeinsam an die Regierung in Birma, Helfern die Einreise in die Krisenregion zu genehmigen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und sein thailändischer Amtskollege Noppadon Pattama betonten in einem Telefonat am Sonntag, dass "angesichts des Ausmaßes der Katastrophe internationale Hilfe dringlich ist und keinen Aufschub mehr duldet". Großbritannien machte die Militärregierung für eine "Katastrophe mit epischem Ausmaß" verantwortlich. "Ich wäre überrascht, wenn es nicht mehr als 100.000 Tote gäbe", sagte der britische Außenminister David Miliband am Sonntag der BBC.

Warten auf die Genehmigung aus Rangun

In Thailand und Malaysia stehen am Flughafen tonnenweise Nahrungsmittel, Zelte und Medikamente bereit. Die Hilfsorganisationen warten auf Genehmigungen, nach Rangun zu fliegen. Das Regime will die Hilfe jedoch allein verteilen, was die Hilfsorganisationen ablehnen. Sie trauen dem birmanischen Militär diese Aufgabe nicht zu. Es wird nicht ausgeschlossen, dass das Militär Rationen zur Versorgung der eigenen Soldaten abzweigt.

Erstmals seit dem Zyklon tauchte auch Juntachef Than Shwe am Samstag im staatlichen birmanischen Fernsehen auf: nicht beim Trostspenden für Opfer oder bei der Verteilung von Hilfsgütern, sondern bei der Stimmabgabe für die neue Verfassung, mit der das Militär seine Macht auf Jahre hinaus zementieren will. Birmas Opposition bezichtigte die Regierung bei dem umstrittenen Referendum des massiven Wahlbetrugs.

Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz van Elst warf der Militärdiktatur in Birma "Ignoranz und Arroganz" vor. Beim Pfingstgottesdienst im Frankfurter Dom beklagte der katholische Bischof am Samstag nach Mitteilung der Stadtkirche die Behinderung der internationalen Hilfskräfte: "Wir sehen gegenwärtig auf erschreckende Weise, wie viel Leid Menschen zugefügt wird, wenn es die Verweigerung gibt, über Grenzen hinauszugehen."  (mfa/dpa)

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