Birma nach dem Zyklon : Katastrophale Lage - 100.000 Opfer befürchtet

Die Situation in Birma wird nach dem verheerenden Wirbelsturm "Nargis" immer dramatischer: Aus den besonders betroffenen Gebieten dringen vier Tage nach dem Zyklon immer neue Schreckensmeldungen an die Öffentlichkeit. Unterdessen sitzen viele Helfer in den Nachbarländern fest - die Wut auf Birmas Militärjunta wächst.

Nach dem Zyklon "Nargis" sind am Mittwoch erstmals Informationen aus dem vom Wirbelsturm besonders stark betroffenen Deltagebiet in Birma an die Außenwelt gedrungen. In der Stadt Labutta am Delta des Irrawaddy, wo der Zyklon mit voller Wucht auf das Land getroffen war, trafen nach demnach Zehntausende Flüchtlinge aus dem umliegenden Deltagebiet ein. Die Stadt stand völlig unter Wasser, aufgequollene Leichname trieben in den Fluten. "Die Menschen haben völlig ausdruckslose Gesichter, sie haben so etwas noch nie erlebt", berichtete ein Zeuge. Die umliegenden Dörfer wurden von den Wassermassen völlig vernichtet.

Labutta selbst, das der Hauptort einer Region mit 90.000 Einwohnern ist, ist ebenfalls weitgehend zerstört. Es gibt kaum Lebensmittel und kein frisches Wasser, Einwohner und Flüchtlinge teilen sich die wenigen Vorräte an Wildreis, die nach der Katastrophe übrigblieben. Bis zu sechs Meter hohe Wellen hätten den Ort weggespült, berichten die Einwohner. Die Regierung gibt die Opferzahlen nach wie vor mit 22.000 Toten und 41.000 Vermissten an. Der Direktor des Büros der burmanischen Exilregierung im thailändischen Mae Sot, Aung So, befürchtet hingegen ein noch weitaus schlimmeres Ausmaß der Katastrophe: "Wir gehen davon aus, dass mindestens 100.000 umgekommen sind", sagt er.

Internationale Hilfe angelaufen

Vier Tage nach dem verheerenden Zyklon "Nargis" ist unterdessen die internationale Hilfe angelaufen. Das Ernährungsprogramm der Vereinten Nationen hat in der schwer beschädigten Hafenmetropole Rangun die ersten Essensrationen verteilt. Das Kinderhilfswerk Unicef ist mit gut 100 Mitarbeitern in der Küstenregion unterwegs und verteilt Erste-Hilfe-Pakete. Überall fehlt es an Wasser, Zelten, Medikamenten und Nahrungsmitteln. Die Vereinten Nationen schätzen, dass 24 Millionen Menschen betroffen sind. Aus Deutschland ist ein Team des Bündnisses von Hilfsorganisationen "Aktion Deutschland Hilft" auf dem Weg. Die Gruppe sollte am Abend in Birma eintreffen.

Unterdessen wächst die Kritik an mangelnder Kooperation der Regierung mit ausländischen Hilfsorganisationen und mangelnder Hilfeleistung aus eigenen Mitteln. Helfer sitzen im Nachbarland Thailand fest und warten auf Visa. Vor der Küste liegen Kriegsschiffe der US-Marine, deren Besatzungen bei anderen Naturkatastrophen schon oft geholfen haben. Eine Einreisegenehmigung gibt es nicht. Selbst das bitterarme Bangladesch hat ein Flugzeug mit Arzneien, Tabletten zur Wasserreinigung, Nahrungsmitteln und Kleidung losgeschickt.

Die Militärjunta riskiert den Aufstand

Birmas Junta steht nach Einschätzung von politischen Experten vor dem politischen Abgrund: Die Wut der Bevölkerung über das schlechte Krisenmanagemant vor und nach dem Zyklon könnte in Aufruhr umschlagen, wenn es ihrer Führung nicht bald gelingt, die Lage in den Griff zu bekommen, warnen sie. Einen Aufstand im vergangenen September konnte die Militärführung noch mit Gewalt niederschlagen. Doch in der Bevölkerung gärte es laut den Experten weiter. Die Sturmkatastrophe, bei der Zehntausende umkamen und Millionen ihr Hab und Gut verloren, könnte nun das Fass zum Überlaufen bringen.

In Rangun, vor allem aber in den abgeschiedenen Orten des Irawadi-Flussdeltas, haben die Überlebenden Mühe, an Trinkwasser, Nahrung und Treibstoff zu kommen. Selbst wenn es etwas gibt, kann kaum noch jemand dafür zahlen - seit dem Wochenende haben sich die Preise verdreifacht. "Im Moment sind die Menschen mit ihrem Überleben beschäftigt. Doch ist diese Phase erst einmal überwunden, kann ich mir gut vorstellen, dass die Wut überkocht", sagt Sean Turnell von der australischen Macquarie-Universität. Aufstände, so schätzt der Experte für Birmas Wirtschaft, seien so gut wie programmiert: "Mit ihrer Reaktion auf die Proteste vom September haben die Generäle bereits ihren letzten Kredit verspielt."

Birma zählt zu den ärmsten Staaten der Welt. Seit 1962 wird das südostasiatische Land vom Militär regiert, das die einstmals  aufblühende Wirtschaft in den Ruin trieb. Als die Treibstoffpreise im vergangenen August in die Höhe gingen, kam es zu heftigen Protesten. Rasch schlugen sie zum größten Aufstand gegen die Junta seit fast zwei Jahrzehnten um: Angeführt von buddhistischen Mönchen gingen allein in Rangun bis zu hunderttausend Menschen auf die Straße. Nur mit Gewalt konnten die Behörden damals den Aufstand beenden. Mindestens 31 Menschen wurden nach UN-Angaben getötet, rund 700 sollen bis heute in Haft sitzen.  (jam/AFP/dpa)

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