Birma : Uno: Erst ein Viertel der notleidenden Menschen erreicht

Die Not in Birma wächst, die Zahl der Toten steigt - und die Regierung sperrt sich weiterhin gegen Hilfe von außen. Nur zögerlich werden Organisationen mit Lebensmitteln und Trinkwasser ins Land gelassen, die Militärjunta konfisziert die Güter. Frankreich will nun ein Kriegsschiff für die Hilfsgüter einsetzen. Helfer warnen unterdessen vor einer Epidimie.

Zyklon in Birma
Verletzte Dorfbewohner begutachten die Schäden, die der Zyklon hinterlassen hat. -Foto: dpa

RangunGrauenvolles Leid der Opfer und sture Militärs in Birma - die internationalen Hilfsorganisationen sind auf dem Sprung und kommen doch nur schleppend voran. Noch immer verweigert die Regierung Helfern die Einreise in das vor einer Woche vom Zyklon "Nargis" heimgesuchte Land. Inzwischen rechnen die Vereinten Nationen mit bis zu 100.000 Todesopfern und rund 1,9 Millionen Menschen, die von Hunger, Durst und akuter Seuchengefahr betroffen sind. Ungeachtet dessen waren Millionen Menschen in Birma am Samstag zur Abstimmung über eine neue Verfassung aufgerufen, mit der die Militärjunta ihre Macht zementieren will. Nur in den am schlimmsten von der Katastrophe betroffenen Bezirken darf in zwei Wochen nachgewählt werden.

Ein Taxifahrer in Rangun hält die Junta für "verrückt" und spottet über die Wahl: "Niemand mag die Regierung, aber wie durch Zauberei wird sie gewinnen." Verkäuferin Zaw Min Hia gibt sogar freimütig zu: "Ich bin bezahlt worden, deshalb habe ich mit Ja gestimmt." Das südostasiatische Land sieht sich selbst im "Demokratisierungsprozess". Während die Regierung dafür wirbt, dass die neue Verfassung den Weg zu Wahlen im Jahr 2010 freimache, befürchten Kritiker, die seit 1962 regierende Junta werde ihre Kontrolle über das Land auf Jahre festschreiben. Unter anderem versperrt die Verfassung Suu Kyi, Friedensnobelpreisträgerin und unter Hausarrest stehende birmanische Politikerin, den Weg zum Präsidentenamt, weil sie bis zu dessen Tod 1999 mit einem Ausländer verheiratet war. Auch kann die Armeeführung demnach den Notstand ausrufen und die Regierung übernehmen, wenn sie die "nationale Solidarität" in Gefahr sieht.

Frankreich kündigt Einsatz von Kriegsschiff gür Hilfsgüter an

Nach Angaben der Uno wurden mit den Hilfslieferungen erst rund ein Viertel der bis zu zwei Millionen notleidenden Menschen erreicht.
"Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit", sagte UN-Sprecher Richard Horsey in Bangkok. "Wir sind mit einer großen Langsamkeit der
Bürokratie konfrontiert." Die Opposition in Birma wirft der Junta vor, durch die Abschottung des Landes für den Tod zahlreicher Menschen verantwortlich zu sein. Die Zahl der Todesopfer steige "Tag für Tag" wegen der vielen Beschränkungen, welche die Junta den  internationalen Hilfsorganisationen auferlege, erklärte die Nationale Liga für Demokratie (NLD) von Friedensnobelpreisträgerin Suu Kyi. Frankreich kündigte an, für Hilfsgüter ein Kriegsschiff einzusetzen. "Wir haben entschieden zu handeln, ohne weiter zu warten", sagte Außenminister Bernard Kouchner der Zeitung "Le Figaro". Mit dem Kriegsschiff "Mistral" sollen 1500 Tonnen Hilfsgüter in das  Land geschickt werden. "Die Hilfe wird direkt an die Betroffenen verteilt", sagte Kouchner. "Es kommt nicht infrage, die Hilfe direkt an die Junta zu liefern. Dieses Regime ist zu allem fähig - selbst dazu, inmitten einer Naturkatastrophe eine Verfassungsabstimmung zu organisieren."

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief die Regierung in Birma eindringlich zur Kooperation auf. Hilfsorganisationen müssten "ohne jede Behinderung" so schnell wie möglich ins Land gelassen werden. Er habe versucht, direkt mit den Machthabern in Birma zu sprechen, dies sei ihm aber bisher nicht geglückt. Auch die USA, Deutschland und Großbritannien machten Druck - bisher ohne große Wirkung. Immerhin erhielt ein US-Militärflugzeug mit Hilfsgütern für Montag die Landeerlaubnis in Rangun.

Regierung will Hilfsgüter selbst verteilen

Am Samstag trafen auch die ersten russischen Hilfsgüter in Birma ein. In Rangun sei am Morgen ein Transportflugzeug mit rund 30 Tonnen Zelten und Decken gelandet, meldete die Agentur Itar-Tass. Die Hilfsgüter würden der Regierung in Birma übergeben, die selbst die Verteilung übernehme. Damit beugt sich Russland dem Diktat der birmanischen Regierung, Hilfsgüter lediglich abzuliefern und nicht selbst zu verteilen. Ein Mitarbeiter der Diakonie Katastrophenhilfe sagte der Nachrichtenagentur AFP in einem Telefonat, die Verteilung der Hilfsgüter durch das Militär sei sehr selektiv. "Man kann nicht davon ausgehen, dass die breite, hilfsbedürftige Bevölkerungsmasse auch ordentlich versorgt wird", sagte Peter Rottach.

Ein Konvoi des Flüchtlingshilfswerks UNHCR mit 20 Tonnen Zelten und Plastikplanen für 10.000 Menschen startete am Mittag im thailändischen Grenzort Mae Sot in Richtung Rangun. Die beiden Lastwagen wurden jedoch etwa einen Kilometer hinter der Grenze vom Militär in ein Kloster dirigiert, berichtete das ZDF, das den Transport mit versteckter Kamera aufzeichnete. Ein Armeemajor sagte den Reportern, dass das Material am Sonntag weitergeleitet werde. Das UNHCR bemühe sich, die dringend benötigten Hilfsgüter so schnell wie möglich wieder auf den Weg zu bringen, sagte eine Sprecherin.

Kleine Fortschritte der Kinderhilfsorganisation

Das Welternährungsprogramm WFP verhandelte am Samstag noch mit dem Militär über die Freigabe der konfiszierten Lieferungen vom Freitag. Sie waren ohne Zustimmung der Organisation am Flughafen in ein Lagerhaus gebracht worden. Das WFP setzte seine Flüge am Samstag dennoch fort. "Angesichts der humanitären Krise sind wir einfach verpflichtet weiterzumachen", sagte Sprecher Marcus Prior in Bangkok.

Unterdessen berichteten britische Hilfsorganisationen am Samstag über kleinere Fortschritte. Flugzeuge des Roten Kreuzes konnten nach Angaben des britischen Katastrophen-Komitees in Birma landen. Weitere sieben Flugzeuge mit Schaufeln, Moskitonetzen und Kraftstoffkanistern sollten zwischen Samstag und Montag ankommen. Das Komitee sammelte Spenden von mehr als vier Millionen Pfund (rund 5,1 Millionen Euro). Die Kinderhilfsorganisation Save the Children erklärte, ihre Mitarbeiter hätten inzwischen Hilfe an rund 72.000 Zyklon-Opfer verteilt.

Helfer warnen vor Epidimie apokalyptischen Ausmaßes

Sorgen machen den Halfern aber weitere Regenstürme, die Birma nach Vorhersagen kommende Woche erreichen sollten. Am Vortag hatten Helfer vor einer "Epidemie mit apokalyptischen Ausmaß" gewarnt. Für die Helfer habe ein Wettlauf mit der Zeit begonnen, sagte Moritz Wohlrab, Sprecher von Aktion Deutschland Hilft, der in Rangun unterwegs ist. Die drei großen Sorgenfelder seien nach wie vor das fehlende Trinkwasser, die fehlenden Nahrungsmittel sowie die fehlende Elektrizität. "Nach einigen Minuten Taxifahrt stadtauswärts sieht man nicht nur umgeknickte Bäume und kaputte Stromleitungen, sondern später auch Leichen in überschwemmten Reisfeldern."

Unicef Deutschland verwies auf das Leid tausender Kinder, die ihre Eltern verloren haben oder von ihnen getrennt wurden. Allein in der Ortschaft Myaing Mya schätzt die UN-Kinderhilfsorganisation die Zahl der elternlos umherirrenden Kinder auf 2000. Sie wurden zusammen mit 15.000 Obdachlosen aus der völlig zerstörten Stadt Laputta dorthin gebracht. In Myaing Mya wurden inzwischen 17 Camps eingerichtet. (saw/AFP/dpa)

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