Birma : "Unsere Regierung bringt gerade ihre Leute um"

Sie frieren, sie hungern und sie haben liebe Menschen verloren: Man muss nicht bis ins Todesdelta fahren, um schlimmstes Leid in Birma zu sehen. Auf dem Weg dorthin trifft man viele Menschen, die alles verloren haben und dennoch geben. Und ihre Regierung verfluchen. Bericht einer gefährlichen Reise.

Richard Licht

PyaponIn aller Frühe geht es los. Irgendwo in einem Vorort von Rangun. Zwischen Wasserflaschen, Seifenbündeln und Dieselkanistern, die Beine angezogen. Es ist dunkel hier drin. Wir wollen ins Todes-Delta. Da aber will die Regierung von Birma auch anderthalb Wochen nach dem verheerenden Zyklon Nargis keine Weißen sehen. Wenn sie schon da sind, sollen sie in Rangun bleiben – oder nach Mandalay und Bagan zu den Sehenswürdigkeiten fahren. Schließlich ist dies hier das goldene Land.

Die internationalen Hilfsorganisationen sind gerade angewiesen worden, alle Weißnasen aus dem Delta abzuziehen. 24 Stunden Zeit haben sie ihnen gegeben, eine Organisation konnte für den Rückweg immerhin 48 Stunden aushandeln. Eine Begründung dafür gab es nicht. Nun feiern die Helfer eine Zusage der Regierung in der Dschungelstadt. Die gewähre 160 Medizinern aus asiatischen Nachbarstaaten, dass sie in dem 15 000 Quadratkilometer großen verwüsteten Gebiet arbeiten dürften. Allerdings gebe es Genehmigungen für Ausländer weiterhin nur "von Fall zu Fall". Die Hilfe verzögert sich also weiter. Die meisten Organisationen haben gar nicht so viele einheimische Mitarbeiter, wie nötig wären. Und sie wissen, dass es eigentlich schon viel zu spät ist.

Die Lagerhäuser sind voll

Zwischen gut anderthalb und zweieinhalb Millionen Überlebende brauchen Hilfe. Das haben die UN aus den Berichten der Helfer von 23 internationalen Organisationen hochgerechnet. Die Zahl der Toten und Vermissten liegt danach zwischen 68.000 und 182.000. Aber sie haben noch allerlei weiße Flecken auf ihrer Karte. Wie sieht es südlich von Pyapon aus, was passiert im Süden von Bogolay? Was also mag eine richtige Zahl sein? Bei der Welthungerhilfe heißt es, bisher hätten wohl weniger als zehn Prozent der Bedürftigen Hilfe bekommen. Aber die laufe nun im Delta kräftig an. "Die Lagerhäuser sind voll." Was die Regierung gemacht hat, bleibt ein Rätsel. Es gibt keine Zahlen, nur Bilder von fröhlich im Laufschritt Hilfsgüter schleppenden Soldaten und mildtätigen Militärs im Staatssender MRTV. Und Listen der Regierung, was alles noch gebraucht wird. Für wen wohl?

Beim vierten Checkpoint hören wir auf zu zählen. Die Straße hat längst aufgehört, diesen Namen zu verdienen. Draußen regnet es. Nein, es schüttet. Nein. Eigentlich gibt es für das, was sich da draußen abspielt in der europäischen Vorstellung keine Bezeichnung. Außer, man will gleich biblisch werden. Es wird kalt. Dabei ist unsere Plane dicht. Wie mag es den Leuten da draußen gehen, die keine Jacke, nicht einmal eine Plane haben, um sich vor diesen neuen Himmelsfluten zu schützen?

Die Eisenketten schlagen an die Holzplanken, die Schlaglöcher werden tiefer. Wir reden wenig in diesen Stunden. Doch als Wong U Ming wieder einmal gen Decke geschleudert wird, platzt es aus ihm heraus: "Das größte Problem ist unsere Regierung. Sie haben nur fünf Helikopter. Damit fliegen sie ins Delta. Filmen, wie sie ein paar Lebensmittel austeilen. Das ist alles nur Show. Unsere Regierung bringt gerade ihre Leute um. Sie sind nicht oft so offen. Ein anderer Freund sagt: "Wir müssen unsere Regierung so schnell wie möglich loswerden. Was sie tun, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit." Er weiß sich selbst keinen Weg. Er hofft auf Druck aus dem Ausland.

Endlich im Delta

Kurze Pause irgendwo am Wegesrand. Ein Reifen ist platt, muss gewechselt werden. Das Wasser reicht hier immer noch bis an den Straßenrand. Die Hütten der Menschen standen nur ein paar Meter weiter auf ihren Feldern, ein Gewirr aus Gestrüpp zeugt noch davon. Jetzt campieren sie halb auf der Straße, halb auf dem Bankett. Es ist der einzige halbwegs trockene Ort. Allerdings mögen auch Schlangen es gern trocken – und die sind in Birma oft giftig. Für sie ist es ein kleines Glück in all dem Chaos, dass wenigstens die meisten Palmen den Sturm überstanden haben. Daraus haben sie sich zeltartige Behausungen gebaut, anderswo haben sie sich Wellblechteile zusammen gebastelt. Dahinter fangen sie schon an, auf Stelzen neue Häuser zu errichten. Im Schlamm grunzen ein paar schwarze Schweine. Auf der Fahrbahn haben sie Reis ausgebreitet, sie wollten ihn trocknen. Hier haben sie immerhin Planen, um diesen Schatz abzudecken.

Weiter geht es. Ein Vierradjeep drängelt mit Lichthupe. "Sind wohl VIPS", grinst Wong U Ming. Er meint Militärs. Endlich im Delta. Plötzlich großes Geschrei. Unser Reislaster ist im Graben gelandet. Was tun? Wir können hier nicht raus. Bange Minuten. Der Truck, der hilft, hat mächtig zu ackern. Wir sind inzwischen hinter Pyapon. Hier sind selbst viele Häuser aus Stein eingestürzt. Von einem türkis verkleideten steht nur noch eine Wand und ein paar Streben der Decke zum ersten Stock. Daran haben sie Decken befestigt, ihr Schutz. In der Nähe ragt ein Basketballkorb aus den Trümmern. Weiter geht es.

Wie schläft man bei dieser Kälte?

Wir übernachten irgendwo zwischen Pyapon und Bogolay. Es ist schwer, einzuschlafen. Sind es fünf Minuten, eine Stunde, zwei? Die Moskitos summen. Wir haben Mückenspray dabei. Was machen die Leute nebenan? Nach ein paar Stunden ist alles klamm, die Kälte kriecht langsam die Arme hoch. Wie schläft man so jeden Tag? Es fängt an zu jucken. Flöhe, Wanzen? Nein. Einbildung. Nur ein paar Moskitobisse.

Gegen fünf kräht ein Hahn. Es klopft. Fünf dunkle Augenpaare gucken uns an. Vor der Tür stehen junge Frauen. Sie zeigen auf eine Stelle unter einem Regal. Der Mahlstein fürs Tanaka. Eine Rinde, die sie zu Pulver reiben, mit Wasser vermengen und dann als feines gelblich-sandfarbenes Make up auf Gesicht und Hals verteilen. Selbst in der Not achten sie auf sich. Auch sie haben hier Unterschlupf gefunden. "Mein Haus ist zerstört", sagt eine junge Frau. "Das Wasser stand uns bis zum Hals." Sie zupft verlegen an ihrer lindgrünen Jacke. Ein gelber Kamm hält das hüftlange Haar. Um zu zeigen, wie es war, führt sie ihre Hand kurz unters Kinn. "Wir sind geschwommen, wir sind gerannt."

Sie haben nichts und geben uns davon noch etwas ab

Als nächstes wird gefrühstückt. Reis oder Kekse? Wir wollen nicht. Zeigen auf unsere Bäuche. Keine Chance. Sie bestehen darauf. Wir gucken einander an. Das können wir doch nicht machen?! Aber schon reißen sie eine Packung Kekse auf, wollen uns füttern. Das Herz rutscht uns in die Magengrube. Sie haben fast nichts und geben uns. Jede von ihnen hat im Zimmer eine kleine Plastiktüte oder ein kleines Körbchen. Ihre Habseligkeiten.

Wong U Ming kommt wieder. Ihn haben sie auf der Straße angesprochen, ob er helfen kann. Nur acht Kilometer weiter im Süden gebe es noch Dörfer, da sei noch gar niemand hingekommen. Sie sagen auch, die Menschen dort seien jetzt sehr aggressiv, weil keiner gekommen ist bisher. Andere haben ihm erzählt, die Armee komme manchmal mit einem ihrer Hubschrauber. Sie nehmen auch Leute aus abgelegenen Orten mit Richtung Pyapon – gegen Bezahlung. 3000 Kyat würden sie verlangen. In normalen Zeiten kann ein Familienvater hier unten rund 1000 Kyat am Tag verdienen. Das ist etwa ein Dollar. Wer unten an einem der vielen Flüsse wohnt, trägt sein Geld aber wohl kaum mit sich herum. Was ist mit den Scheinen passiert, als das Wasser kam, wenn sie denn welche hatten? Und im Moment ist nicht daran zu denken, irgendwo etwas zu verdienen. Kann diese Geschichte wahr sein? Wir wissen es nicht. Nach all dem, was wir gesehen und gehört haben, ist es aber so, dass wir es dem Militär sogar zutrauen würden.

In Rangun sieht es gar nicht so schlimm aus

Auf dem Rückweg kommen wir wieder über Kilometer und Kilometer an den Hütten auf dem Bankett vorbei. Die Schlaglochpiste haben sie etwas erhöht angelegt. Wir nähern uns Delaye, ein Jeep kommt uns entgegen. Darin Menschen mit Masken. Was fürchten sie? Vor was soll sie das schützen? Eine Freiwilligenorganisation rumpelt mit zwei Lastern an uns vorbei. Es regnet schon wieder. Jenseits von Delaye Richtung Rangun stehen Leute mit ein paar Kleintransportern, Masken vorm Gesicht, Plastikhandschuhe an. Sie verteilen einzeln Shirts an die Leute. An herabhängenden Stromkabeln schaukeln Kinder zwischen den umgekippten Masten.

Bei Kungyangon plötzlich viel viel Militär. Soldaten bauen neben der Straße eine Zeltstadt. Wollen sie hier helfen? Bisher haben wir keinen helfenden Soldaten gesehen. Oder wird das ein großer Checkpoint? Wir können nicht fragen. Dann sind wir wieder in Rangun. Hier sieht es jetzt für uns gar nicht mehr so schlimm aus. Als wir hineinfahren, steht am Straßenrand ein Militärtransporter. Drin liegen Soldaten. Sie schlafen.

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