Birma : Warten auf die Nachbarn

Westliche Helfer in Birma dürfen noch immer nicht in die Todeszone - sie hoffen auf asiatische Kollegen.

Richard Licht
Birma
Viele Birmaner warten nach "Nargis" immer noch auf Hilfe. -Foto: AFP

RangunMehr als zwei Wochen sind inzwischen vergangen seit der Zyklon „Nargis“ über Birma hinweggefegt ist. Nun ist es heiß und regnet ständig. In Rangun sehen manche Straßen aus, als sei man versehentlich direkt in den Fluss gefahren. In die Autos dringt die Flut durch die Türöffnungen ein und sogar durch die Fenster, die sich oft nicht schließen lassen oder offen bleiben müssen, damit der Fahrer überhaupt etwas sieht. Die internationalen Helfer, die versuchen, von Rangun aus die Verteilung von Hilfsgütern zu koordinieren, werden langsam unruhig. Noch immer dürfen sie nicht in die Todeszone. Es ist, als starrten alle auf ein Aquarium – eines mit sehr trübem Wasser. Alle sinnen darüber nach, wie sie den noch immer ungezählten Überlebenden im Irrawaddy-Delta das zukommen lassen können, was sie am dringendsten benötigen: sauberes Wasser, medizinische Versorgung, Schutz gegen den Dauerregen, Sanitäranlagen, Moskitonetze, Reis – und Saatgut. Inzwischen rollen Trucks und fahren Boote ins Delta. Meist erreichen sie jedoch nur in die größeren Orte Pyapon, Bogale, Labutta.

In Labutta, weit unten im Delta, sind die Malteser mit ihrem einheimischen Personal in drei Flüchtlingscamps in Einsatz. Insgesamt 16 000 Menschen werden in einem Regierungslager, einer Schule und einem Kloster betreut, erzählt Birke Herzbruch, die bereits seit zwei Jahren in Rangun ist. Sie weiß, dass es in diesem Land immer Beschränkungen gegeben hat. „Aber mit Sorgfalt und Sensibilität kommt man immer ein Stück weit“, erzählt die Frau mit den dunkelblonden Locken in ihrem Büro am Stadtrand von Rangun. Selbst jetzt klappe die Arbeit an Ort und Stelle. „Mit dem Militär läuft es sehr, sehr gut. Wir sind sehr herzlich empfangen worden.“ Täglich säßen ihre Leute mit den lokalen Verantwortlichen zusammen. Verlangen die Soldaten etwas für ihr Entgegenkommen? „Dass das Militär bei uns Hilfsgüter abzweigt, ist nicht der Fall“, sagt die Malteserfrau sehr bestimmt. „Wir kommen durch, und wir können alles selbst verteilen.“

Dennoch ist sie nicht zufrieden mit der Situation. Es kommen immer mehr Flüchtlinge, sagt sie. 58 Camps mit bis zu 8000 Leuten gebe es in der Gegend. Einige sollten allerdings aufgelöst werden. Warum? Darauf gibt es von offizieller Seite keine Antwort. „Sie werden ihre politischen Gründe haben“, sagt Birke Herzbruch diplomatisch. „Wir müssen abwarten, ob die Politik Alternativen findet, wie man weiterkommt. Der Weg, der jetzt eingeschlagen wurde – Forderungen, auf die die Antwort immer irgendein Nein ist – scheint ja nicht zu funktionieren.“ Sie hat etwas Bestimmtes im Auge. „Man muss die asiatischen Staaten nutzen, um Spielraum zu schaffen.“ Sie hofft, dass wenigstens viele Experten aus Thailand oder Indien ins Land kommen. „Man braucht erfahrene Mitarbeiter mit Expertise für Wasser, Wiederaufbau und Prävention. Wir brauchen Leute, die mit dem, was sie in der Umgebung sehen, etwas anfangen können und die Hilfe entsprechend koordinieren. Dafür braucht man Erfahrung mit dem Tsunami, dem Erdbeben in Pakistan oder dem Hurrikan ,Mitch‘ in Zentralamerika“.

Diplomaten hoffen, dass der in den nächsten Tagen erwartete Besuch von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon etwas bewegen kann. Dass schon bald westliche Helfer in das Todesdelta fahren dürfen, glaubt im Moment allerdings niemand so recht. Angesichts der dramatischen Situation für die Überlebenden im tropischen Monsunregen wäre jeder Millimeter Bewegung ein großer Fortschritt.

Der deutsche Botschafter in Rangun, Dietrich Andreas, der auf Einladung der Regierung am Wochenende an drei Orten im Delta war, sagte dem Tagesspiegel: „Ich weiß nicht, ob der Regierung das Ausmaß der Katastrophe in vollem Umfang bewusst ist.“ Trauen sich vielleicht einige im Apparat nicht, den beiden an der Spitze die ganze Tragödie mitzuteilen, oder wollen die es nicht wissen? Dazu äußert sich der Botschafter nicht. Er wirkt aber von den eigenen Begegnungen mit den Menschen in den Lagern durchaus erschüttert. Andreas sagt: „Ich glaube, dass man angesichts einer solchen Katastrophe die angebotene Hilfe ohne Gesichtsverlust akzeptieren kann.“ Und mit Blick auf die internationalen Bemühungen, mehr Hilfe und Helfer in die besonders betroffene Region zu bringen, hat er einen diplomatischen Rat. „Meines Erachtens ist es nötig, Politik und Selbstdarstellung in den Hintergrund zu stellen und sich auf die Bewältigung der humanitären Katastrophe zu konzentrieren.“

Die Diplomatentour war gut organisiert, ein Teilnehmer hat den Eindruck gewonnen, dass das nicht alles nur gestellt sein kann. „Das, was zum Beispiel die für die Distrikte zuständigen großen Firmen an Hilfe auf die Beine stellen, können sie nicht aus ihrer linken Tasche bezahlen.“

Einheimische, die viel im Delta unterwegs sind, beurteilen die Goodwill-Tour der Regierung, für die Hilfsgüter aus aller Welt medienwirksam aufgebaut waren, dagegen skeptisch. „Das war reines Show-Bizz“, sagt einer, dessen Namen wir nicht nennen können. „Das Camp in Set Su hat die Armee erst zwei Tage vorher aufgebaut und Hilfe aus der Stadt rangeschafft. Die Opfer waren gar nicht echt. Die, die alles verloren haben, haben sie längst an einen anderen Ort gebracht.

„Wir waren in elf Dörfern, wo noch gar keine Hilfe angekommen ist.“ Er hat mit seinen Freunden eine Hilfsliste geschrieben, in den nächsten Tagen fahren sie wieder los. Und sie haben auch schon eine Kostenkalkulation gemacht. Ein Haus für eine Familie veranschlagen sie mit 500 Dollar, Kleidung für 1000 Personen kostet knapp 300 Dollar, eine kleine Klinik rund 4000, eine Schule für 170 Kinder 8000 Dollar. Pro Sack Reis sind es knapp 20 Dollar. Sie wollen unbedingt ihren Landsleuten helfen und sammeln dafür Geld, wo sie nur können. „Es ist so traurig, selbst ein abgehärteter Mann kann da seine Gefühle nicht verbergen“, sagt er und linst verlegen hinter seinen Brillengläsern hervor. Doch er hält die Tränen zurück. „Ich weine da drinnen“, sagt er und klopft mit der Hand auf sein Herz.

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