Birma : "Wir können nicht weg"

Birmas neue Führung wird gefeiert, die Kachin aber trauen ihr nicht. Sie leben seit einem Jahr wieder im Krieg.

Richard Licht
H. Seng ist mit ihren fünf Kindern und ihrem Mann nach Laiza geflohen.
H. Seng ist mit ihren fünf Kindern und ihrem Mann nach Laiza geflohen.Foto: Ranir

„Zu Hause ist es immer besser, aber wir können nicht nach Hause gehen. Wir hören immer Schüsse. Meine Kinder sind böse auf mich, dass ich sie hierher gebracht habe.“

Laiza – es klingt wie ein schöner Mädchenname, aber Laiza ist ein Ort mitten im Bürgerkrieg. Das Städtchen liegt im Norden Birmas direkt an der chinesischen Grenze, wo die Kachin seit Jahrzehnten mehr Unabhängigkeit von der Zentralregierung fordern. Früher war Laiza ein Nest mit gerade mal 20 Haushalten. Es ist der Heimatort von La Rip, der dorthin auch nach einer Armeeoffensive gegen die Kachin-Rebellen im Jahr 1987 wieder floh, ein Vertriebener im eigenen Land. La Rip erinnert sich noch gut, wie es damals war: „Es gab weder nationale noch internationale Hilfe. Wir haben uns mit Wanderfeldbau, Früchtesammeln, Jagen, Fischen und Goldwaschen durchgeschlagen.“ 1994 schlossen Armee und Rebellen nach insgesamt bereits 33 Jahren Kampf einen Waffenstillstand. La Rip studierte Politik in Indien, kam wieder zurück . Laiza entwickelte sich zu einer kleinen Handelsstadt. Vor gut einem Jahr brach der Waffenstillstand mit der Regierung, die Kachin fühlten sich mehrfach von deren Armee provoziert. Seither kämpft die Kachin Independence Army wieder – rund um Laiza gibt es täglich Gefechte.

70 000 Menschen flohen aus ihren Dörfern, 20 000 davon in die Städte der Region, die anderen leben in Camps für Vertriebene im eigenen Land, sogenannte IDPs (Internally Displaced Persons). „Wir sind nicht vorbereitet, wir haben nichts in der Hand, um mit dieser Krise umzugehen“, beschreibt La Rip die Lage. „Zu unserer eigenen Überraschung haben wir einfach ein Freiwilligenteam mit Jugendlichen gebildet, als plötzlich all die Vertriebenen in unsere Stadt kamen. Sie hatten nichts dabei als das, was sie am Leib hatten, ihre Kinder und etwas zu essen. Die meisten sind zwischen den Kämpfen geflohen, sie kamen nach stundenlangen Märschen durch die Berge und den Dschungel völlig durchnässt hier an.“ Nach einigen Wochen haben zwölf Gruppen von lokalen Helfern die Organisation Ranir gegründet, um die Hilfe in den Camps zu koordinieren. La Rip ist ihr Chef.

Die 34-jährige H. Seng, Mutter von fünf Kindern, wohnt in einer Hütte im Lager Jeyang. Allein dort sind 7000 Menschen untergekommen. Sie kommt mitten aus der Kampfzone und hat Mitarbeitern von Ranir ihre Geschichte erzählt, sie ist typisch für die Menschen in den Camps: „Ich bin am 13. Juni 2011 mit meiner Familie aus unserem Dorf Numlang geflohen, als die Kämpfe losgingen. Zuerst haben wir bei Verwandten in Laiza Unterschlupf gefunden, aber das war eine zu große Last für sie. Im September sind wir ins Camp Jeyang gezogen. Wir sind schon mehr als ein Jahr von zu Hause weg und hatten seither keine Chance, zurückzugehen. Mit dem Vater sind wir sieben, ein Sohn, vier Töchter, die jüngste noch im Vorschulalter. Ich habe große Angst um meine Familie. Wir sind immer in Alarmbereitschaft, wir hören immer Schüsse und das Artilleriefeuer der Regierungstruppen. Ich überlege ständig, wohin wir noch gehen könnten, aber wir sind eine so große Familie.

Ich vermisse mein Heim so sehr. Zu Hause ist zu Hause. Zu Hause ist es immer besser, egal in welchem Zustand das Haus dort ist. Wir hatten gedacht, wir bleiben nur kurz hier im Lager und kehren spätestens nach zwei oder drei Monaten zurück. Aber jetzt ist es schon länger als ein Jahr her, dass wir fliehen mussten. Wir sehen im Moment keine Aussicht auf die Rückkehr zu einer normalen Situation wie vorher. Die Zukunftsaussichten für die Kinder sind auch sehr schlecht. Selbst wenn die Lage sich normalisiert und wir nach Hause zurückkehren, wird es sehr schwer werden, unser Leben neu aufzubauen. Wir wissen nicht einmal, ob unser Haus noch steht.

Hier im Camp bekommen wir ab und zu Unterstützung von den lokalen Hilfsorganisationen, Reis, Seife, etwas Kleidung, Bücher und Stifte für die Schüler. Wir müssen im Camp auch keine Schulgebühren zahlen, aber die meisten Ausgaben müssen wir selbst tragen. Das ist schwierig, weil es hier fast unmöglich ist, Geld zu verdienen. Mein Mann macht Körbe aus Bambus, die verkaufen wir, so haben wir manchmal Kerzenlicht, damit die Kinder abends lernen können. Bei aller Anstrengung kommt so nur wenig Geld zusammen. Die Älteste geht auf die öffentliche Schule in Myo Thit, aber sie braucht für die Schulgebühren umgerechnet 250 US-Dollar im Jahr. Wir können sie nicht unterstützen, solange wir hier im Camp leben, aber das zahlt auch keine Hilfsorganisation. Ich bin mit meinem Latein am Ende, wie es weitergehen soll.

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