Birthler-Behörde : Kurras-Akte nur ein Zufallsfund

Kritik an der Arbeit der Birthler-Behörde: Die Akte von Karl-Heinz Kurras wurde nur zufällig gefunden. Da lassen Zweifel an der Arbeit der Institution nicht auf sich warten.

Matthias Schlegel

BerlinEs ist ein Zufallsfund: Als die Wissenschaftlerin Cornelia Jabs vor rund vier Wochen in Stasiunterlagen zu Todesfällen an der Mauer recherchiert, stößt sie auf einen Hinweis auf eine „GH“, eine Geheimablage aus dem Jahr 1970. Bei Jabs und dem hinzugezogenen Behördenmitarbeiter Helmut Müller-Enbergs schrillen die Alarmglocken. Denn „GH“-Vorgänge wurden beim Ministerium für Staatssicheit wegen ihrer besonderen Brisanz gesondert verwahrt. Die beiden lassen die Akten heraussuchen: 17 Bände mit jeweils rund 300 Seiten. „Mir fiel gleich ein SED-Mitgliedsausweis von Karl-Heinz Kurras entgegen, wenig später fand sich seine schriftliche Verpflichtungserklärung als IM ,Otto Bohl‘“, sagte Müller-Enbergs dem Tagesspiegel. Die historische Bedeutung ist ihm schnell klar.

Eine Geschichtszäsur durch einen Zufallsfund? Und das in einer rund 2000 Mitarbeiter umfassenden Behörde, die sich seit fast zwei Jahrzehnten der Aktenaufarbeitung widmet – da lassen Zweifel an der Arbeit dieser Institution nicht auf sich warten. Der Historiker Hubertus Knabe, von 1992 bis 2000 selbst Mitarbeiter in der Stasi-Unterlagenbehörde, ist „irritiert“ darüber, dass es nach so langer Zeit eines Zufalls bedarf, um solch einen Aufsehen erregenden Sachverhalt zu entdecken. Der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat der FU-Berlin, Klaus Schroeder, spricht gegenüber dpa gar von einem „Skandal“. Er wirft der Birthler-Behörde vor, die Stasi-Hinterlassenschaft nicht systematisch zu erschließen. Und es sei „merkwürdig“, dass die Behördenchefin sich zu diesem brisanten Fall bislang nicht geäußert habe.

Birthlers Sprecher Steffen Mayer sagte dem Tagesspiegel, dass die Behörde am Himmelfahrtstag davon überrascht worden sei, dass die Zeitschrift „Deutschland-Archiv“ eine Pressemitteilung über den von Müller-Enbergs verfassten Artikel vorfristig herausgegeben habe. Die Behörde habe sich auf eine Pressepräsentation Anfang Juni, zum Erscheinungstermin des Artikels, eingestellt. Meyer kann die Vorwürfe an der Arbeit der Behörde nicht verstehen: „Das wird den Leistungen der Wissenschaftler nicht gerecht.“

Müller-Enbergs verweist seinerseits darauf, dass der überschaubaren Anzahl von 13 Forschern an der Behörde rund 600 000 Personen gegenüberstünden, die im Laufe von vierzig Jahren als IM tätig waren. Da könne nur stückweise aufgearbeitet werden. „Wir als Forscher wissen, dass die deutsche Geschichte noch viele weiße Flecken hat. Hätte man die Behörde schon vor zwei, drei Jahren abgewickelt, wie es mancher wollte, hätten wir diese und viele andere Erkenntnisse nicht gewonnen“, betont er.

Im Laufe von 40 Jahren sind rund 12 000 Stasi-IM in der Bundesrepublik tätig gewesen, reichlich 3000 waren es noch 1989, schreibt Behördenforscher Georg Herbstritt in seinem 2007 erschienenen Buch „Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage“. Weil die für das Ausland zuständige Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) im Frühjahr 1990 einen Großteil ihrer Akten vernichtete, ist ein umfassender Überblick über ihre Arbeit schwierig. Neben der HVA waren überdies auch zahlreiche andere MfS-Diensteinheiten an der Arbeit im Westen beteiligt. Seit Sommer 2004 werden die sogenannten „Rosenholz“-Dateien der HVA aufgearbeitet, die nach dem Umbruch in der DDR zunächst in den Besitz des CIA gelangt waren. Das sind jedoch nur Karteien und Statistikbögen. Müller-Enbergs legte 2007 eine Analyse dieses Datenbestands vor.

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