Bis aufs Blut : Die Opfer von Mubaraks Schergen

Tagelang waren die Mubarak-Gegner den brutalen Übergriffen von Schlägertrupps ausgesetzt, die offenbar von der Regierung bezahlt wurden. Was weiß man über die Opfer?

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Eine Mubarak-Gegnerin hält in Kairo eine Zeitungsseite mit Fotos von Opfern der Zusammenstöße hoch.
Eine Mubarak-Gegnerin hält in Kairo eine Zeitungsseite mit Fotos von Opfern der Zusammenstöße hoch.Foto: dpa

Der junge Mann presst den Mund zusammen, Tränen schießen ihm in die Augen. Mit einem stummen Nicken geht er weiter. Er kann und will nicht sprechen. Stumm trägt er das Plakat durch die Menge mit dem Foto seines Freundes. Ein junges, strahlendes Gesicht – erschossen von einem Scharfschützen, der auf dem Dach des Innenministeriums saß.

Mindestens 300 Menschen sollen nach Angaben der Vereinten Nationen seit Beginn der Unruhen ums Leben gekommen sein. Selbst der ägyptische Gesundheitsminister, der bisher alle Statistiken nach Kräften herunterspielte, spricht inzwischen von mehr als 5000 Verletzten.

Fast alle auf dem Tahrir-Platz sind gezeichnet von den Horrorszenen der letzten Tage. Viele tragen Verbände an Kopf, Armen und Beinen. Andere erzählen immer und immer wieder, was sie mit angesehen haben – als könnten sie ihren eigenen Augen nicht trauen. So wie ein 34-jähriger Mann, der als Namen „ein ägyptischer Bürger“ angibt. Polizisten hätten vor seinen Augen zwei Jugendliche regelrecht hingerichtet. Im Internet sind Videos zu sehen, wie gepanzerte Kleinbusse der Polizei mit Vollgas durch die Menge rasen und reihenweise Passanten niedermähen.

Und noch immer werden Tausende in den Gefängnissen festgehalten und gequält. Die ganze Nacht hindurch hätten sie Schreie der Gefolterten gehört, berichteten zwei Reporter der „New York Times“, nachdem sie nach 24 Stunden wieder aus den Fängen der Staatssicherheit entlassen worden waren. „Du sprichst mit Journalisten, du sprichst schlecht über dein Land“, brüllte der Offizier einen der Gequälten an, bevor er weiter auf ihn einprügelte.

„Ermordet in Ägypten“ – hat die amerikanische Menschenrechtsaktivistin Joanne Michele ihr virtuelles Totenbuch genannt, das vor drei Tagen online ging und sich im ägyptischen Netz wie ein Lauffeuer verbreitet. Zum Beispiel Ahmed Ahab Mohamed Fouad Abbas, 29 Jahre alt. Er wurde am vierten „Tag des Zorns“ auf dem Tahrir-Platz von sechs Gummigeschossen getroffen, drei trafen ihn ins Gesicht, eines davon ins Auge. Fünf Tage lag er im Koma, dann starb er in der Klinik der Al-Hossein-Universität. Den Angehörigen wollten die Ärzte die Leiche nur herausgeben, wenn sein Tod offiziell als Autounfall deklariert würde. Doch die Familie lehnte das ab, sie weigerte sich, die Lüge zu unterschreiben. Das Foto zeigt einen jungen Mann in rotem T-Shirt und Jeans, lächelnd und mit Händen in den Taschen – aufgenommen bei einem Abendbummel in Kairo.

Vielerorts bekunden Demonstranten das friedliche Miteinander der Religionen – dieser Betende hat es auf seiner Sonnenbrille versinnbildlicht.
Vielerorts bekunden Demonstranten das friedliche Miteinander der Religionen – dieser Betende hat es auf seiner Sonnenbrille...Foto: AFP/DPA

Alles, was sich bisher im Internet über die Opfer des Volksaufstandes am Nil findet, hat Joanne Michele in ihrem digitalen ägyptischen Totenbuch zusammengetragen. Schnörkellos und nüchtern wie in einer Excel-Tabelle sind bisher 58 Schicksale aus Kairo, Alexandria, Mansoura oder Suez aufgelistet. Die Kolonnen tragen die Bezeichnungen Name, Alter, Beruf, Todesort, Todesdatum, Anmerkungen und Foto – mehr nicht. Es gibt keine Kommentare, die meisten Fotos stammen von der Facebookseite „Märtyrer der Freiheit“. Sie zeigen junge Leute, die sich am Strand vergnügen, mit Freunden ausgehen oder mit Schlips und Kragen für ein Bewerbungsfoto posieren. Mahmoud Maher war gerade dabei, in der provisorischen Krankenstation auf dem Tahrir-Platz Wunden zu versorgen, als die Mubarak-Horden am Mittwochmittag mit ihren Pferden und Kamelen über die Demonstranten herfielen. Sie prügelten den jungen Arzt auf der Stelle tot. Die 23-jährige Künstlerin Sally Magdy Zahran erhielt einen schweren Knüppelschlag auf den Hinterkopf. Sie ging nach Hause, legte sich schlafen und wachte nie wieder auf.

13 Tage nach Beginn der Proteste versuchte das erschöpfte Kairo am Sonntag unterdessen zum ersten Mal zu einem halbwegs normalen Leben zurückzukehren. Die Straßen waren verstopft wie eh und je, vor den Banken, die wieder geöffnet waren, bildeten sich Schlangen, Verkehrspolizisten waren wieder auf Posten gegangen. Eselskarren zuckelten voll beladen mit Kohlköpfen, Orangen und Gurken zu ihren Märkten. Der Geschäftsführer der Deutsch-Arabischen Handelskammer in Kairo, Rainer Herret, sagte, viele Unternehmen hätten die Produktion wieder aufgenommen.

Derweil versuchten Mubaraks Vize Omar Suleiman und sein Premierminister Ahmed Schafik, mit der Opposition zu einem anderen Arrangement zu kommen und Mubarak einen „ehrenvollen Abgang“ zu ermöglichen. Die Muslimbruderschaft jedoch war mit dem Verlauf der Gespräche nicht zufrieden. Nach einem Treffen mit Suleiman, an dem Vertreter mehrerer Oppositionsgruppen teilgenommen hatten, sagte ihr Sprecher dem Sender Al Dschasira, man könne bislang nicht von Verhandlungen sprechen. Die Organisation wolle über ihr weiteres Vorgehen am Montag entscheiden. Das Treffen fand in einem Saal statt, an dessen Stirnseite ein Porträt Mubaraks hing.

Suleiman schlug vor, einen Rat von Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft und Rechtsexperten einzuberufen, der die geforderten Verfassungsänderungen vorbereitet. Im Zentrum der Bemühungen um eine Verfassungsreform werden offenbar Regelungen stehen, mit denen die Voraussetzungen für eine Kandidatur zu den Präsidentschaftswahlen im September geschaffen werden sollen – bei denen Mubarak dann nicht mehr auf der Kandidatenliste auftauchen wird. Es sollen künftig auch Unabhängige kandidieren dürfen, die Amtszeit des Staatschefs könnte auf zwei Wahlperioden begrenzt werden.

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