Politik : Bis tief in die Nacht

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Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Manche Bilder erregen unsere Aufmerksamkeit, weil sie einzigartig sind. Nehmen wir als unverdächtiges Beispiel: der erste Mensch auf dem Mond. Bei anderen Bildern merken wir auf, weil sie eben nicht einzigartig sind, sondern in uns das Gefühl erwecken, dass wir sie schon mal irgendwo gesehen haben – obwohl das gar nicht sein kann. Zum Beispiel hat die SPD noch nie dieses seltsam grobkörnige Schwarzweißfoto verbreitet, das den Kanzler im gedämpften Lampenlicht an seinem Schreibtisch zeigt, offenbar in ernste Schriftstücke vertieft. Trotzdem wirkt das Plakatmotiv vertraut. Gibt es nicht eine ähnliche Aufnahme von – ja, von wem? Kaiser Wilhelm II.? August Bebel? Josip Brosz Tito? Konrad Adenauer? Winston Churchill? Oder von allen diesen Herren?

Die Bildersprache, die die Mächtigen mit dem Volk pflegen, bedient sich seit jeher des Stereotyps. Kaiser Karl auf seinem Thron, das Zepter in der Hand – das ist schon abgeguckt bei den römischen Cäsaren, die es von den Pharaonen hatten. Der Topos des Mächtigen, der sich für das Wohl des Landes am nächtlichen Schreibtisch verzehrt, ist viel neueren Datums. Ein Kind der Demokratie, von Diktatoren manchmal mißbraucht: Die Sowjet-Mythologie der 30er und 40er wollte, dass in Väterchen Stalins Arbeitszimmer im Kreml das Licht die Nacht durch brenne. Daher unser Deja vu. „Kanzlers Dämmerstunde“ ist ein Standard-Motiv, mit dem der Mächtige sich uns als ein für unser Wohl Arbeitender empfiehlt. Die Botschaft steckt komplett im Ambiente. Der Schreibtisch, der enge Lichtkreis der Lampe, die Akten sind unverzichtbare Accessoires, so wie einst für den Kaiser die Krone. Der Kopf hingegen, der ist austauschbar. Robert Birnbaum

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