Politik : Bis zu 70 Tote in Inguschetien

Die Anschläge zeigen: Der Tschetschenienkonflikt breitet sich auf weitere Teilrepubliken aus

Elke Windisch[Moskau]

Tschetschenische Rebellen haben bei ihrem massivsten Militärschlag seit Jahren in der Nachbarrepublik Inguschetien ein Blutbad mit dutzenden Todesopfern angerichtet. Allein auf Seiten der russischen Sicherheitskräfte seien in der Nacht zum Dienstag 47 Mann erschossen worden, sagte der Präsidentenbevollmächtigte für Südrussland, Wladimir Jakowlew, in der inguschetischen Hauptstadt Magas.

Der Sender NTV zeigte am Dienstag das ganze Ausmaß des Anschlags: Zerschossene Fassaden und rauchende Trümmer – und ein Feldlazarett, über dem russische Hubschrauber kreisten. Bis zu 70 Tote – offiziell war am Dienstag noch von 55 die Rede – und um die 60 Verletzte forderte der Überfall tschetschenischer Separatisten. Am Montagabend waren bis zu 250 Kämpfer in Nasran, der größten Stadt der nordkaukasischen Teilrepublik Inguschetien und in zwei kleinere Orte eingedrungen. „Unbegreiflich“, nennt Issa Kostojew, der Vertreter Inguschetiens im Moskauer Senat, den Angriff und verweist auf die geballte Präsenz von Militär, Polizei und Grenzschutz in der Region. Die Rebellen hatten gezielt Polizeiwachen und Regierungseinrichtungen angegriffen und sich die Nacht hindurch Gefechte mit Sicherheitskräften geliefert.

Für Russlands Präsident Wladimir Putin stellt der Überfall nach dem Attentat auf den moskautreuen tschetschenischen Präsidenten Ahmad Kadyrow am 9. Mai einen der schwersten Rückschläge für den Friedensprozess in Tschetschenien dar. Die russischen Streitkräfte wurden von dem ganz offensichtlich strategisch durchgeplanten Angriff überrollt. Der Schock war so groß, dass Putin erst am Dienstagnachmittag auf die Ereignisse reagierte: Die Angreifer müssten „gefunden und zerstört“ werden, sagte er. Wer lebend gefasst werden könne, müsse vor Gericht gestellt werden.

Der Kremlchef berief eine Krisensitzung mit den Spitzen des Innenministeriums und der Geheimdienste ein – und reiste zu einem Blitzbesuch in die Kaukasusrepublik. Der außenpolitische Sprecher des russischen Oberhauses, Michail Margelow, will im Europarat eine Resolution zur Verurteilung des Überfalls auf den Weg bringen: Den Abgeordneten in Straßburg, wo viele noch immer von Freiheitskämpfern sprechen, müssten die Augen geöffnet werden, sagte er. Der Vizefraktionschef der Kremlpartei, Oleg Morosow, forderte, die Regierungstruppen müssten sich in Strategie und Taktik den Separatisten anpassen. Wie diese aussieht, verriet Separatistenchef Aslan Maschadow vorige Woche auf der Internetseite der Rebellen. Nach isolierten Attacken stehe die Wiederaufnahme „aktiver Kampfhandlungen“ unmittelbar bevor – auch in den Nachbarregionen, wie Experten gleich nach den Drohungen warnten.

Inguschetien und der Vielvölkerstaat Dagestan sind nach Auffassung von Beobachtern besonders gefährdet, weiter in den Konflikt hineingezogen zu werden. Beide sind strukturschwach, instabil und seit Jahren Tummelplatz islamischer Fundamentalisten. Diese haben bereits bei früheren Anschlägen mit dem radikalen Flügel der tschetschenischen Separatisten kooperiert. Im Sommer 99 in Dagestan sowie bei dem nächtlichen Überfall in Inguschetien soll Schamil Bassajew die Fäden gezogen haben, der für alle spektakulären Terroranschläge der letzten Jahre in Russland die Verantwortung übernahm. Deren Ziel waren meist Polizei und Geheimdienste. In der mehrheitlich moskaukritischen Bevölkerung genießen die Rebellen große Sympathie. Auf Bassajews Konto ging auch der fehlgeschlagene Anschlag auf Inguschenpräsident Murat Sjasikow im April. Anders als sein populärer Vorgänger, Ruslan Auschew, unterstützt der Ex-Geheimdienstgeneral Moskaus Tschetschenienpolitik ohne Wenn und Aber.

Besonders unbeliebt machte sich Sjasikow in der Bevölkerung, als er Zeltstädte tschetschenischer Flüchtlinge auflöste und tausende Schutzsuchende zwang, in ihre vom Krieg zerstörte Heimat zurückzukehren. Die Inguschen sind die nächsten ethnischen Verwandten der Tschetschenen und bildeten mit diesen, bis Grosny sich 1991 von Moskau lossagte, eine gemeinsame Republik. Ebenso wie die Tschetschenen sind die Inguschen sunnitische Muslime.

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