Politik : Bis zuletzt den Blick zurück

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Von Robert Birnbaum

Seinen Freunden galt er als Patriot, seinen nicht eben wenigen Gegnern als Reaktionär. Beiden Charakterisierungen ist eins gemeinsam: Alfred Dregger ist meist als Mann von gestern wahrgenommen worden. Tatsächlich hat den 1920 in Münster geborenen CDU-Politiker nichts so nachhaltig geprägt wie die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs. Als Abiturient kam Dregger zur Wehrmacht, sechs Jahre und vier Verwundungen später kam er als Bataillonskommandeur von der Ostfront zurück. Noch seine letzten Interventionen in der Bundespolitik galten Themen jener Zeit: Dregger widersetzte sich der pauschalen Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure, und er blieb willkommener Gast bei Vertriebenenverbänden.

Dass der gelernte Jurist 1956 der jüngste Oberbürgermeister Deutschlands war – im nordhessischen Fulda –, dass die hessische CDU ihrem Partei- und Fraktionschef Anfang der 70er Jahre einen Aufstieg bis an die Schwelle zur absoluten Mehrheit verdankte, ist über diesem „späten“ Dregger schon fast in Vergessenheit geraten. Was auch daran liegen mag, dass alle Wahlerfolge ihn nicht in die Staatskanzlei in Wiesbaden brachten: Erst koalierte die FDP mit der SPD, dann versprachen die Liberalen den Machtwechsel – und scheiterten. Erst Dreggers Nachfolger Walter Wallmann fuhr die Ernte ein.

Dregger ging nach Bonn und wurde erster Fraktionschef in der Kanzlerschaft Helmut Kohls. Dem hatte er einst den Wahlkampfslogan „Freiheit oder Sozialismus“ erfunden. Seither war sein Ruf als Flügelmann der Nationalkonservativen gefestigt. In den Konflikten jener Tage – vom Streit um die Atomkraft bis zur Nachrüstung – nahm er eine harte Haltung gegen alles Linke, Grüne und Friedensbewegte ein. In seinen Motiven sah er sich manchmal missverstanden: In der Nachrüstungsdebatte („Je kürzer die Reichweite, desto töter die Deutschen") trieb ihn weniger Vasallentreue zu den USA um als Sorge vor einem Kräfte-Ungleichgewicht, das zum Krieg führen könnte.

Ein loyaler Truppenführer ohne eigene Ambitionen, hielt er die Fraktion auf Kurs hinter der Regierung. 1990 musste er auch deshalb Wolfgang Schäuble weichen – die Abgeordneten sahen sich zu sehr zu Erfüllungsgehilfen degradiert. Der tiefere Grund war ein anderer: Die Geschichte hatte seine Themen weitgehend erledigt. Dregger blieb im Bundestag als Ehrenvorsitzender der CDU/CSU-Fraktion. 1998 versagte der eigene Wahlkreis dem alten Herrn die erneute Kandidatur. Am Sonnabend ist er im Alter von 81 Jahren gestorben.

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