Politik : Bis zum Tod im Dienst

Dachte Johannes Paul II. 2000 wirklich an Rücktritt?

Andrea Dernbach

Einen Tag nach der Veröffentlichung seines Testaments wachsen die Zweifel, ob Johannes Paul II. wirklich erwogen hat zurückzutreten. Als Hinweis darauf wurden zunächst jene Sätze interpretiert, die Johannes Paul II. dem Text im März 2000 hinzufügte: „In diesem Jahr, da ich die achtzig erreiche, muss man sich fragen, ob es nicht Zeit ist, mit dem biblischen Simeon zu sagen ,Nunc dimittis’.“ Das Zitat bezieht sich auf eine Stelle des Lukas-Evangeliums (Lukas 2,25), in dem es um die Vorstellung Jesu im Tempel geht. Simeon, ein gottesfürchtiger Mann, dem offenbart worden war, er werde nicht sterben, ohne den Messias gesehen zu haben, erkennt ihn in dem Kind: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen.“

Im Falle des greisen Simeon handelt es sich sicher nicht um Rücktrittsabsichten, hier ist vom Tod die Rede. Im Falle des Papstes ist die Sache nicht ganz so klar. Wenige Sätze später nämlich schreibt Johannes Paul: „Ich hoffe, dass Er mir hilft zu erkennen, bis wann ich diesen Dienst fortsetzen soll.“ Erkennen also, wann es Zeit wäre zu gehen? Dagegen sprechen andere Passagen, zum Beispiel eine, die er im Februar und März 1980 einfügte: „Ich will mich noch einmal ganz der Gnade des Herrn anvertrauen. Er selbst soll entscheiden, wann und wie ich mein irdisches Leben und mein Hirtenamt beenden soll.“ Hier sind Ende des Lebens und des Amts ein und dasselbe.

Auch ein anderes Blatt des Testaments – ohne Entstehungsdatum – spricht diese Sprache: „Ich erkläre mein tiefes Vertrauen, dass der Herr trotz all meiner Schwäche mir alle Gnade gewähren wird, die nötig ist, um nach Seinem Willen jede Aufgabe, Prüfung, jedes Leiden zu bestehen, das er von Seinem Diener im Laufe des Lebens verlangt.“ Auch hier die Argumentation: Solange Gott ein Leben dauern lässt, teilt er auch Aufgaben zu – und die Kraft, sie zu erfüllen.

Gegen die Rücktrittsthese sprechen zudem die öffentlichen Äußerungen Johannes Pauls II. Als im vergangenen Februar wieder von Rücktritt die Rede war, wurde er mit den Worten zitiert, Jesus sei ja auch nicht vom Kreuz herabgestiegen. So wäre das Zitat aus dem Lukas- Evangelium nur als Hinweis zu sehen, dass er im Jahr 2000 – wie der biblische Simeon – sein Leben als erfüllt ansah. Experten weisen darauf hin, dass der Text nur wenige Tage vor der jahrelang geplanten Reise nach Israel und Jordanien, an die heiligen Stätten des Christentums, entstand, zudem im „heiligen Jahr“ 2000. Der Papst erwähnt darin auch Stefan Wyszynski, den früheren Primas der polnischen Kirche. Der habe ihm gesagt, seine wichtigste Aufgabe werde es sein, die Kirche ins dritte Jahrtausend zu führen. Nun, schreibt Johannes Paul, „schließt sich Tag um Tag das 20. Jahrhundert und es öffnet sich das 21.“

Der Kirchenhistoriker und Papstforscher Georg Schwaiger findet die Rücktrittsthese trotzdem plausibel. Johannes Paul II. sei 2000 in sehr schlechter körperlicher Verfassung gewesen, man habe öffentlich über einen Amtsverzicht diskutiert: „Ich halte es für durchaus wahrscheinlich, dass er sich in dieser Situation selbst ernsthaft damit befasst hat.“

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