Politik : Bischof Hubers Vision des Vertrauens

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Zuerst redete Familienministerin Renate Schmidt. Sie geißelte den „Unsinn“, dass wir immer noch so leben, als hätten wir eine Lebenserwartung wie unsere Großeltern und müssten Karriere und Familie in die Jahre zwischen 25 und 45 pressen. „Entzerren“ müsse man die Lebensläufe, forderte die Familienministerin und stimmte auf das große Thema der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland ein: der demographische Wandel.

Dann aber eilte mit federndem Schritt und strahlendem Gesicht Bischof Wolfgang Huber aufs Podium, als könne er es gar nicht erwarten, seinen ersten Bilanzbericht als Vorsitzender des Rates der EKD vorzutragen. So sieht jemand aus, der nicht nur tut, was man von ihm erwartet, sondern den seine Aufgabe beflügelt und der aufblüht mit der Bedeutung des Amtes. Vor genau einem Jahr wurde der Berliner Landesbischof in das höchste Amt der Evangelischen Kirche gewählt.

Der lang anhaltende Applaus nach seiner Rede zum Thema „Vertrauen erneuern“ zeugte davon, dass er die Erwartungen der Kirchenparlamentarier mehr als erfüllt hatte. Dass er der Evangelischen Kirche in der Öffentlichkeit eine stärkere Stimme geben will, hat er damals versprochen – und gehalten. Von der EUVerfassung über das Klonverbot, das Zuwanderungsgesetz und den Kopftuchstreit bis hin zum EU-Beitritt der Türkei und den Sozialreformen: Es gibt kein politisch brisantes Thema, zu dem Huber nicht Stellung bezogen hätte. Denn er hat eine Vision von dem, was der Staat leisten kann, vom Zusammenleben der Menschen und von seiner Kirche.

Am Sonntag brachte er diese Vision auf den Begriff des Vertrauens. Weil die Menschen weder in die Politik noch in die Wirtschaft Vertrauen haben, kommen Reformen nur schleppend voran. Die aber sind für Huber dringend nötig, um den Sozialstaat zukunftsfest zu machen. „Die Politik hat an Vertrauen verloren, weil zu oft Informationen vorenthalten wurden, die Wirtschaft büßt an Vertrauen ein weil man ihr unterstellt, das Interesse am eigenen Profit sei wichtiger als das Interesse am Gemeinwohl“, sagte Huber. Reformprozesse, die gerade Vertrauen benötigen, würden deshalb mit großem Misstrauen und Resignation begegnet.

Die eigene Institution nimmt Huber nicht aus. Es könnten viel mehr sein, die sich am Leben der Kirche aktiv beteiligen, so der Bischof. Um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, ist er sich nicht zu schade, in Arbeitsämter zu gehen und nachzuhaken, ob die Sozialreformen für die Menschen da sind und nicht umgekehrt. Das kommt gut an. Vertrauen dürfe man aber nicht mit Vertrautheit verwechseln: Nur an Vertrautem, Tradiertem festzuhalten, behindere die Zukunft. „Es gibt keine andere Institution, die so viel für die Erneuerung von Vertrauen tun kann wie die Kirche“, so das Fazit ihres Ratschefs.

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