Bischof Reinhard Marx : "Der Krieg muss aufhören"

Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, hält sich seit Sonnabend in Bethlehem auf. Er nimmt als Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz an einem internationalen Bischofstreffen teil, das jährlich im Heiligen Land stattfindet, aus Solidarität mit den Christen dort.

Claudia Keller
Reinhard Marx
Reinhard Marx (55) ist seit einem Jahr Erzbischof von München und Freising. Er war schon häufig im Heiligen Land und hat viele...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Gazastreifen ist keine 80 Kilometer von Bethlehem entfernt. Was bekommen Sie vom Krieg mit?



Die Anspannung ergreift die Leute auch hier. Auf der Geburtskirche in Bethlehem hat man die schwarze Fahne gehisst aus Solidarität mit den Brüdern und Schwestern in Gaza. Es gibt eine katholische Gemeinde in Gaza. Der Pfarrer hat uns am Telefon von den Bombardierungen berichtet, von der Not der Kinder. Der Krieg muss aufhören, er kostet so viel unschuldiges Leben. Gewalt führt hier nur zu weiterem Hass. Keiner traut dem anderen über den Weg, deshalb flüchtet man immer wieder in die Gewalt, in Fanatismus und Verschwörungstheorien, auf beiden Seiten.

Sehen Sie Ansätze für einen Waffenstillstand?

Ich sehe, wie sich hier die Außenminister die Klinke in die Hand geben und sehr viel geredet wird, auf allen diplomatischen Ebenen. Aber ob das zum Ziel führt? Eine Lösung ist wohl nur durch den Druck von außen möglich. Da schauen alle auf die USA, auch die Palästinenser, zumindest die gemäßigten.

Was können die Bischöfe bewirken?


Wir sind nicht als Politiker gekommen, sondern als Geistliche, um unsere Solidarität mit den Christen auszudrücken. Aber es wird uns oft gesagt, dass auch die Stimme der Religion wichtig ist. Es wird viel darüber diskutiert, ob der Papst im Mai oder Juni kommt. Es gibt noch keine offizielle Bestätigung, aber die Menschen erwarten doch, dass der Papst als religiöse und moralische Autorität die Dinge voranbringen kann.

Gibt es Sympathie unter den palästinensischen Christen mit der Hamas?


Tja. Viele fragen sich, gerade in besetzten Gebieten, was in den vergangenen Jahren erreicht wurde. Was hat Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas erreicht, was hat Israel erreicht? Es gibt die Checkpoints, die Siedlungen, aber keine politische Lösung. Das nährt natürlich auch Sympathien für radikale und islamistische Gruppen. Deshalb gilt: Je schneller der Krieg aufhört, umso besser. Auch für Israel.

Kann die katholische Gemeinde in Gaza unter der Hamas ihre Religion ausüben?

Der Pfarrer sagt ganz klar, dass sie keine Probleme haben mit der Hamas und dass es keine Spannungen zwischen Muslimen und Christen gibt. Er sagt auch: Wir Muslime und Christen sind ein palästinensisches Volk. Wenn Christen das Land verlassen, dann nicht wegen Spannungen mit Muslimen, sondern weil es keine wirtschaftliche Perspektive gibt. Wenn Gaza das bleibt, was es war, ein abgeriegeltes Gebiet, abhängig von allem, dann wird es keine Zukunft geben.

Das Interview führte Claudia Keller.


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