Politik : Bischof von Stuttgart-Rottenburg: Es gibt einen neuer Hoffnungsträger

Martin Gehlen

Er gilt als weltoffen und kollegial - ein neuer Hoffnungsträger unter den Bischöfen. Für die deutsche Kirche war seine Ernennung eine positive Überraschung. Gebhard Fürst, bislang Leiter der angesehenen Akademie des Bistums Rottenburg-Stuttgart, ist nun offiziell Oberhirte der schwäbischen Diözese Stuttgart-Rottenburg und Nachfolger des nach Rom gewechselten Walter Kasper. An dem Einführungsgottesdienst im Rottenburger St. Martins Dom nahmen am Sonntag 36 Bischöfe teil, darunter der Freiburger Erzbischof Oskar Saier, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann und der Apostolische Nuntius Erzbischof Giovanni Lajolo.

Der 51-jährige Gärtnersohn stammt aus dem schwäbischen Bietigheim. Er studierte katholische Theologie in Tübingen. 1987 promovierte er mit einer Arbeit über "Johann Gottfried Herders hermeneutische Theorie der Sprache". Bereits ein Jahr zuvor war er Direktor der Bistumsakademie in Stuttgart geworden. Gentechnik, digitale Revolution, Ost-Erweiterung der EU, Wirtschafts- und Bioethik: In vielen aktuellen gesellschaftspolitischen Themen kennt sich Fürst bestens aus.

Er bringt wertvollen Sachverstand in die Bischofskonferenz ein. Das ist für die Kirche wichtig. Denn sie hat es zunehmend schwer, ihre Position in die öffentlichen Debatten einzubringen. Fürst will nach eigenen Worten eine "weltoffene Kirche" leiten, die "der zeitgenössischen Kultur auf Augenhöhe begegnet".

Ein Herzensanliegen ist ihm auch eine stärkere Rolle der Frauen in der Kirche. Es sei "eine Grundgestimmtheit unserer Zeit, dass ich mich dort identifiziere, wo ich mitgestalten kann", sagte Fürst. Das Drängen der Frauen nach mehr Mitgestaltung sei deshalb ein Zeichen von Identifikation mit der Kirche. Er werde sich bemühen, dem gerecht zu werden. Auch der Laieninitiative "Donum Vitae", die die katholische Schwangerenkonfliktberatung fortsetzen will, bekundete er seinen Respekt.

Er räumt ein, dass die katholische Kirche manchmal gesellschaftlichen Entwicklungen hinterherlaufe und sich dann in der Defensive befinde. So sei es nicht gut, wenn die Kirche in der Diskussion um Fremdenfeindlichkeit erst von anderen gesellschaftlichen Gruppen aufgefordert werden müsse, etwas zu sagen. "Da wünsche ich mir offensivere Umgangsweisen mit der Gesellschaft", meint er.

Die Weihe des neuen Bischofs bildete den Auftakt einer ganzen Reihe von Neubesetzungen in den 27 Diözesen. Dass der Papst den liberalen Akademiker Fürst zum Oberhirten ernannt hat, gilt durchaus als kleine kirchenpolitische Sensation. Denn während der 15-monatigen Vakanz des Bischofssitzes ging im Schwabenland die Furcht um, der Vatikan könnte - wie 1989 in Köln - gegen den Willen des Domkapitels einen romtreuen Hardliner von auswärts durchdrücken. Doch es kam anders. Nach dem jahrelangen Streit um die Schwangerenkonfliktberatung wollte Rom offenbar das Verhältnis zur deutschen katholischen Kirche nicht noch weiter belasten. Auch Fürst selber war von seiner Ernennung am 7. Juli nach eigenen Worten "sehr überrascht".

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