Politik : Bissige Rivalen

Heftige gegenseitige Angriffe vor der Stichwahl in der Ukraine / Präsidentschaftskandidaten Kopf an Kopf

Thomas Roser[Kiew]

Mit Spannung fiebert die Ukraine der Präsidentenkür entgegen. Der bislang so blasse Premier Wiktor Janukowitsch zeigt beim Endspurt zur ukrainischen Präsidentenkür plötzlich bissigen Kämpfergeist. „Lächerlich“ sei es, dass sich sein Rivale als Oppositioneller bezeichne, erinnert der Regierungschef seinen Konkurrenten Wiktor Juschtschenko daran, dass der heutige Oppositionschef als Premier einst selbst an der Macht partizipiert habe: „Ihr seid gescheiterte Staatsdiener – und keine Opposition.“ Juschtschenko wiederum verweist nicht nur auf die kriminelle Vergangenheit seines Widersachers, sondern auch auf dessen Hintermänner: „Die Macht ist korrupt – und wird von den Oligarchen kontrolliert.“

Kopf an Kopf biegen die beiden Kontrahenten auf die Zielgerade des Wahlkampfmarathons ein. Selten hat ein Urnengang die Bewohner des seit 1991 unabhängigen Staates so bewegt. Nie konnte die Opposition so große Menschenmassen mobilisieren wie beim Kampf um die Nachfolge des abtretenden Skandalpräsidenten Leonid Kutschma. Die Leute hätten nach dem ersten Wahlgang bis vier Uhr morgens in den Lokalen ausgeharrt, um die Auszählung der Stimmen zu überwachen, staunt der Kiewer Politologe Oleksander Suschko: „Eine solche aktive gesellschaftliche Teilnahme gab es in der Ukraine noch nie.“

Viel steht bei der Richtungswahl auf dem Spiel. Juschtschenko plädiert für die Öffnung nach Westen, sein Rivale für eine stärkere Anbindung an Russland. Der Oppositionschef verheißt den demokratischen Aufbruch, der Premier gilt als Günstling der Oligarchen und Amtsinhaber Kutschmas. Juschtschenko wurde wochenlang von einer mysteriösen Erkrankung außer Gefecht gesetzt: Bis heute ist er von einem gezielten Vergiftungsanschlag überzeugt. Massiv hatte sich Moskau in den Wählerstreit mit eingemischt. Doch die Wahlhilfe des großen Bruders fruchtete zumindest im ersten Wahlgang nicht viel. Nach tagelangen Zählanstrengungen der Wahlkommission lag der Oppositionschef vor drei Wochen mit 39,8 Prozent nur einen halben Prozentpunkt vor dem Premier (39,3 Prozent). Doch obwohl die Opposition Auftrieb verspürt, gilt der Ausgang der Stichwahl am Sonntag als ungewiss. Suschko hält einen Erfolg Juschtschenkos keineswegs für ausgeschlossen: „Entscheidend wird aber die Entschlossenheit der Wähler sein, das Ergebnis auf der Straße zu verteidigen.“

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