Politik : Bitte schnell bohren!

Viele Patienten lassen sich ihre Zähne lieber jetzt sanieren – weil es später für sie viel teurer werden könnte

Maren Peters

Viele Zahnärzte merken die Auswirkungen der Gesundheitsreform schon jetzt – obwohl die Reform noch nicht einmal beschlossen ist. „Ich habe zehn bis 15 Prozent mehr Patienten mehr als sonst – der Anteil wird sicher noch steigen“, sagt der Berliner Zahnarzt Jörg Meyer. „Das passiert immer vor einer Gesundheitsreform.“ Auch einzelne Versicherungsunternehmen verzeichnen bereits eine verstärkte Nachfrage nach privaten Zusatzversicherungen.

Denn die Patienten wissen nicht, was auf sie zukommt. Klar ist bisher nur, dass die Gesundheitsreform vor allem beim Zahnersatz Veränderungen bringen wird. Offen ist noch, wie weit sie gehen. Die Union will den Zahnersatz ganz aus dem Leistungskatalog der Kassen streichen und über eine private Zusatzversicherung decken. Monatlich könnte das bis zu zwölf Euro zusätzlich kosten. Auch die FDP hat inzwischen gefordert, Leistungen wie den Zahnersatz ganz aus dem Katalog der gesetzlichen Krankenversicherung herauszunehmen. Die rot-grüne Koalition lehnt die private Zusatzversicherung dagegen ab. SPD und Grüne wollen die Kassenkosten für den Zahnersatz lieber durch Festzuschüsse senken. Das Krankengeld sollen Kassenpatienten künftig selbst zahlen.

Unabhängig davon, wie der Streit um die Gesundheitsreform ausgeht: Viele Patienten lassen sich das Gebiss schon jetzt sanieren. „Keiner unserer Patienten erwartet, dass es besser wird“, sagt Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung und niedergelassener Zahnarzt. „Viele meiner Patienten sagen: Doktor, wenn etwas Größeres gemacht werden muss, dann machen Sie es jetzt“.

Es ist nicht das erste Mal, dass Patienten drohende Gesundheitsreformen vorwegnehmen. Als Ende der 90er Jahre der damalige Gesundheitsminister Seehofer durchsetzte, dass Patienten ab 18 Jahren sukzessive aus dem Zahnersatz der gesetzlichen Kassen herausfallen, haben sich nach Angaben von Versicherern wie der DKV und der Allianz viele junge Patienten privat versichert.

Einzelne Versicherer spüren auch jetzt schon wieder eine verstärkte Nachfrage nach Zusatzversicherungen. So ist bei der Allianz die Zahl der Krankengeldtageversicherungen für Angestellte seit Jahresbeginn um fast 50 Prozent gestiegen, wie eine Sprecherin dieser Zeitung sagte. Der Anstieg sei zumindest teilweise auf die Unsicherheit im Zuge der Gesundheitsreform zurückzuführen. Auch die Zahl der privaten Zusatzversicherungen für Zahnersatz sei in diesem Zeitraum um ein Siebtel gestiegen. Aus der Erfahrung früherer Gesundheitsreformen rechnet nicht nur die Allianz damit, dass der Anteil weiter steigen wird. „Wir gehen davon aus, dass es einen Run auf Zusatzversicherungen geben wird“, sagte die Sprecherin, „aber erst, wenn das Gesetz durch ist.“ Auch Christian Weber, Geschäftsführer des Verbandes der privaten Krankenversicherungen, erwartet, dass es eine große Nachfrage nach privaten Zusatzversicherungen geben wird – ähnlich wie bei der letzten Gesundheitsreform.

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