Politik : Bittsteller a. D.

EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton trifft in der Türkei auf überaus selbstbewusste Gastgeber

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Foto: Pantelis Saitas/epa-dpa
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Noch vor wenigen Jahren zitterte die Türkei hohem Besuch aus Brüssel entgegen wie ein Schüler der Zeugnisausgabe: Wie werden die Zensuren ausfallen? Was denken die EU-Vertreter über die türkische Beitrittsbewerbung? Von solchen bangen Fragen war vor dem ersten Besuch der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton am Dienstag keine Rede, den Medien war der Besuch im Vorfeld kaum eine Zeile wert: Die Türken erwarten nicht mehr viel von Europa. Im Bewusstsein der wachsenden Wirtschaftskraft und weltpolitischen Bedeutung des eigenen Landes bereitet die EU keinem Politiker in Ankara mehr schlaflose Nächte.

Die neue türkische Weltsicht prägte auch Ashtons Besuch am Bosporus. Die EU-Außenbeauftragte lobte die „wichtiger werdende Rolle der Türkei in der Region“, und ihr Gastgeber, der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu, verkündete selbstbewusst, ohne die Türkei werde sich etwa im Streit um Irans Atomprogramm nichts mehr bewegen.

Seit dem Jahr 2005 verhandelt die Türkei mit der EU über einen Beitritt, doch die Gespräche kommen nur langsam voran. Ende Juni wurden die Verhandlungen über das Kapitel ‚Lebensmittelsicherheit’ eröffnet, erst der 13. von 35 Abschnitten, die zu beackern sind. Wegen des Zypernproblems und der Fundamentalopposition Frankreichs sind fast 20 Verhandlungskapitel für die Türken gesperrt, so dass türkische Diplomaten für das Ende des Jahres bereits den Kollaps der Beitrittsgespräche voraussagen. Auch diese Aussicht bringt niemanden in Ankara um den Schlaf. „Vielleicht brauchen wir eine neue Krise, damit sie zur Besinnung kommen“, sagt ein Ankaraner Spitzendiplomat. Er meint damit die Europäer, nicht die eigenen Politiker.

An Sätzen wie diesem wird eine Entwicklung erkennbar, die für manche in der EU überraschend kommt. Die Türkei hat in den vergangenen Jahren nicht nur Dauerfrust mit Europa geschoben, sondern ein neues Selbstbewusstsein entwickelt. Früher als Hungerleider am Rand Europas abgetan, ist das Land heute Mitglied der G 20 und legte kürzlich mit einem Wirtschaftswachstum von fast zwölf Prozent im ersten Vierteljahr ein Tempo vor, von dem Westeuropa nur träumen kann.

Gleichzeitig begann die Türkei, ihre außenpolitischen Fühler auszustrecken. Insbesondere seit Davutoglus Amtsantritt im Frühling 2009 sind die Türken dabei, ihren Anspruch auf eine Führungsrolle in der Weltregion zwischen Balkan, Kaukasus und Nahem Osten mit einer ganzen Serie von Initiativen zu untermauern. Ankara vermittelt heute zwischen Bosniern und Serben ebenso wie zwischen Afghanistan und Pakistan. Die Türken vereinbarten gemeinsame Kabinettssitzungen mit dem früheren Erzfeind Griechenland und näherten sich gleichzeitig schwierigen Nachbarn wie Armenien, Irak, Iran und Syrien an. Problemlos ging das nicht ab: Die türkischen Beziehungen zu Israel stürzen von einer Krise in die nächste, und Europäer wie Amerikaner stellen sich angesichts des türkischen Widerstands gegen Iransanktionen die Frage, ob die Türkei vom Westen wegdriftet.

Solche Befürchtungen sind völlig unbegründet, sagt die Türkei. „Verrückt“ sei das, sagt der Ankaraner Diplomat. „Wir blicken immer noch nach Westen.“ Neu sei der Zugewinn an Selbstvertrauen auf türkischer Seite. Die Türken schauten eben nicht mehr nur nach Europa: „Wir kümmern uns um Regionen, wo wir Interessen haben.“ Während andere Länder Botschaften abbauen, eröffnen die Türken eine neue Vertretung nach der anderen, derzeit besonders in Afrika.

Türkische Außenpolitiker sind sicher, dass die Europäer früher oder später erkennen werden, was sie an der Türkei haben. Aufmerksam verfolgt man die Debatte über eine Neubewertung der EU-Beziehungen zur Türkei, wie sie etwa Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) fordert. Ankara will nach Kräften helfen. Dabei steht der französische Präsident Nicolas Sarkozy als inoffizieller Chef der Anti-Türkei-Fraktion der EU im Mittelpunkt des Interesses. Er wird im Herbst in der Türkei erwartet, und dabei wollen die Türken ihm zeigen, wie sehr sich die Türkei seit seinem letztem Besuch vor 30 Jahren gewandelt hat. Sarkozy, sagt der Ankaraner Diplomat mit einem Lächeln, könne „bleiben, so lange er will.“

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