Politik : BKA: Ein Amt mit braunen Wurzeln

Christoph Schmidt Lunau

Schon 1987 hatte Armand Mergen festgestellt: "Als das Bundeskriminalamt mit Beamten besetzt wurde, ließ man Nazi-Vergangenheit mit SS-Zugehörigkeit, Kriegseinsätze mit Polizeigräueltaten, Berufsausübung unter dem Zeichen des Totenkopfes ruhen." Auch die zwielichtige Rolle des selbst ernannten "Gründungsvaters" und späteren Präsidenten des BKA, Paul Dickkopf, ist vielfach beleuchtet worden, weil er vielen "Kameraden" aus dem Reichskriminalamt den Weg in die Wiesbadener Behörde geebnet hatte. Der Abteilungsleiter der Sicherungsgruppe, Theo Saevecke, machte nach langem öffentlichen Streit über seine mögliche Verwicklung in Kriegsverbrechen zuletzt Schlagzeilen, als ihn 1999 ein italienisches Gericht wegen Erschießungen zu lebenslanger Haft verurteilte.

Die "Schatten der NS-Vergangenheit" hatte im vergangenen Jahr Wilhelm Dietl in seiner "BKA-Story" nachgezeichnet. Doch erstmals hat Dieter Schenk, Autor, Honorarprofessor und ehemaliger BKA-Kriminaldirektor, den braunen Wurzeln des BKA ein ganzes Buch gewidmet. Nach aufwändigen Recherchen, bei denen er neben dem Berlin Document Center auch Archive in Polen und solche der ehemaligen DDR sichten konnte, kommt Schenk zu einer neuen, schockierenden Bewertung der Bedeutung von ehemaligen Nazis und Kriegsverbrechern beim Aufbau der zentralen Polizeibehörde der demokratischen Bundesrepublik. "1959 bestand der Leitende Dienst des BKA aus 47 Beamten - bis auf zwei hatten alle eine braune Weste." Als "moralische Katastrophe" bezeichnet der Autor die Tatsache, dass fast die Hälfte von den 47 Führungskräften "NS-Verbrecher im kriminologischen Sinne" gewesen seien. Vier BKA-Führungsleute bezeichnet Schenk als "Schreibtischtäter", die bei der Deportation von "Zigeunern". Homosexuellen und so genannten Asozialen mitgewirkt hätten. 15 seien als Mitglieder von Einsatzgruppen an der Ermordung der polnischen Intelligenz oder von Juden in Weißrussland beteiligt gewesen, einige hätten bei Exekutionen "selbst Hand angelegt". Jeder Dritte gehörte zudem zur Gestapo.

Penibel rekonstruiert der Autor die Karrieren jener legendären "Charlottenburger", unter ihnen sieben Absolventen der "Führerschule der Sicherheitspolizei" von 1938 um Paul Dickkopf, die später im BKA Führungsposten übernehmen sollten. Indem er Protokolle, Lebensläufe, Zeugenaussagen und Dokumente vergleicht, weist er bewusste Glättungen, Umdeutungen, Auslassungen und Fälschungen der Altkriminalisten nach, die ihre Verstrickung in den NS-Gewaltapparat verschleierten. Schenk zeigt, wie ihnen Nachkriegsjustiz und Politik dabei halfen. Paul Dickkopf, 1965 zum BKA-Präsidenten aufgestiegen, war nach Einschätzung des Autors in den letzten Kriegsjahren ein Doppelagent, der dem NS-Geheimdienst wie den US-Amerikanern zuarbeitete und sich später mit Geschick die Legende eines Widerstandskämpfers aneignete.

Die Gründer des BKA, so die These des Buchs, bildeten nach dem Krieg nicht nur Strukturen und Organisationsprinzipien der zentralen NS-Kriminalpolizei nach. Auch der Geist der "Ewiggestrigen" habe das BKA der frühen Jahre durchweht. Wie im NS-Staat sprachen sie intern von "Elementen", "Zigeunern", "Gewohnheitsverbrechern" und "Asozialen", die "auszuschalten" seien. Im NS-Staat mit der Verfolgung von Kommunisten befasst, passten sie in den Antikommunismus der Adenauer-Ära.

Die Lektüre des Buches, das Verbrechen und Verleugnung dokumentiert, ist anstrengend und macht zornig. Dieter Schenk, der das BKA verließ, weil er die Zusammenarbeit mit den Polizeiorganisationen von Unrechtsregimen nicht mehr mittragen wollte, musste auch eine für ihn persönlich schmerzliche Entdeckung machen; sein Lehrer, der ihn 1963 zum Kriminalkommissar ausgebildet hatte, erwies sich als ehemaliger Gestapo-Mann, der in Warschau angebliche Spione dem Tod überantwortet und Exekutionen veranlasst hatte.

Trotz der Genehmigung von Innenminister Schily sah sich das BKA ein Jahr lang außer Stande, Schenk Akteneinsicht zu gewähren. Eine Podiumsdiskussion über die braunen Wurzeln des BKA, die der Autor dem Wiesbadener Amt vorgeschlagen hatte, wird dort nicht stattfinden, wie BKA-Sprecher Unger dem Tagesspiegel mitteilte; weil die "im Wesentlichen bekannten" Tatsachen in einem solchen Rahmen nicht angemessen diskutiert werden könnten. Auch im März, bei der Feier zum 50. Bestehen des Amtes, war nicht davon die Rede, dass ehemalige BKA-Polizeiführer an NS-Verbrechen beteiligt gewesen sind. In seinem Vorwort zu Schenks Buch beklagt Michel Friedman, die Behörde habe sich bis heute davon nicht eindeutig distanziert und entschuldigt. Friedman fragt: "Wer schützt hier wen?"

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