Politik : Blair sagt dem Verbrechen den Kampf an

Matthias Thibaut

London - Es ist, wie die Tory-Opposition vorrechnet, die „einhundertfünfundfünfzigste Initiative zur Verbrechensbekämpfung“, seit Großbritanniens unermüdlicher Innenminister David Blunkett das Amt übernahm, in Großbritannien Recht und Ordnung durchzusetzen. Aufhorchen ließen dabei weniger fantasievolle neue Ideen – etwa die, 5000 unverbesserliche Tunichtgute per Elektronikchip und Satellitensystem zu überwachen – als vielmehr Blunketts verächtlicher Gebrauch des Wortes „Liberati“, eine Breitseite gegen den Liberalismus der sechziger Jahre, die sofort eine Woge wehmütiger Rückbesinnung auslöste.

Blunkett, in seiner Langhaarzeit Führer des sozialistischen Stadtparlaments von Sheffield, und Premier Tony Blair, der sich als Sänger der „Ugly Rumpours“ die Haare immerhin bis zu den Ohren wachsen ließ, wollen mit dem „Konsensus der sechziger Jahre“ brechen. Was gemeint ist, brachte Blair in einer Rede zur Vorstellung der jüngsten Anti-Verbrechens-Offensive auf die Kurzformel „Freiheit ohne Verantwortung“. Als wären die sechziger Jahre schuld daran, dass die gemeldeten Straftaten in Großbritannien seit 1998 um 15 Prozent stiegen, die Aufklärungsquote der Polizei aber um fast 30 Prozent zurückging. Der Rechtsschutz für Gesetzesbrecher, das Verständnis für die sozialen Ursachen der Kriminalität seien zu weit gegangen. Die Menschen wollten „Regeln, Ordnung und Anständigkeit“, sagte Blair, der einmal die Parole prägte „Hart gegen Kriminalität und hart gegen die Gründe der Kriminalität“.

Nun liegt die Betonung ganz auf dem ersten Teil der Formel. Es soll 20 000 zusätzliche „Nachbarschaftspolizisten“geben, und selbst Zehn- bis 15-Jährige sollen nun die Bußgeldbescheide der Polizei ohne Gerichtsverfahren bekommen. Bis 2008 sollen 18 000 chronischen Bösewichte elektronische Handschellen angelegt werden. 2,8 Milliarden Pfund (knapp 4,6 Milliarden Euro) zusätzlich hat der Innenminister zur Verfügung, um Verbrechern, Gewalttätern und Trunkenbolden zu Leibe zu rücken, die viele Stadtgebiete zu Kampfzonen machen.

Ordnungsliebende Briten warten skeptisch ab. Schließlich wissen sie, dass Wahlkampf in der Luft liegt. Derweil rätselt die den Sechzigern noch nostalgisch verbundene Intelligenz Großbritanniens, warum Blair nicht die Achtziger mit ihrem Materialismus und Individualismus für den britischen Sittenverfall verantwortlich macht. Eine Erklärung dafür, warum die jugendliche Unterschicht Großbritanniens so aus dem Ruder läuft, hat sie aber auch nicht.

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