Politik : Blatters Finten, Zidanes Flanken

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Von Helmut Schümann

Ob das Motto des 53. Fifa-Kongresses gut gewählt war? „For the good of the game“ stand in Seoul stets hinter Joseph Blatter auf der Podiumswand, vor der der Präsident des Fußball-Weltverbandes Delegierte aus aller Welt auf seine Wiederwahl einschwor. For the good of the game, zum Besten des Spiels, und als Blatter die Wahl wieder gewonnen hatte, rief er: „Das Volk der Fußballer lügt nicht.“ Das kann angesichts der sonstigen Reden Blatters getrost als Lüge bezeichnet werden.

Ums Gute im Spiel ging es wahrlich nicht in der Woche, in der die Fußball-Weltmeisterschaft in Korea und Japan beginnt. Es ging um all die Elemente des Fußballs, die einem das Spiel verleiden könnten: um Pfründe, Marktanteile, um Lug und Trug. Wie da der Schweizer Blatter Freund und Feind gegeneinander ausspielte, wie er intrigierte und Stimmen erschlich mit hohl tönenden Phrasen, das war schon eher ein böses Spiel.

Wie traurig, dass die deutsche Delegation, angeführt von Fußball-Gott Franz Beckenbauer und Verbandspräsident Gerhard Mayer-Vorfelder, ihre Finger im bösen Spiel hatte, wie traurig, dass mit der Blatter’schen Politikmethode des viel Nehmens und ein bisschen Gebens Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zugeschoben bekam. Und wie verlogen, dass sich die Fifa und Blatter und alle anderen Fußballpolitik-Macher ab jetzt und bis zum Finale in Yokohama eine Frieden stiftende Mission gutschreiben. Dabei diente sogar noch die Vergabe des Turniers an zwei jahrhundertelang verfeindete Völker weniger deren Verständigung als der Suche nach dem noch nicht erschlossenen Markt um Sportartikel und Fernsehgelder. Das Volk der Fußballer lügt doch.

Aber mal ehrlich. Können uns alle diese Wahrheiten hinter dem Spiel das Spiel wirklich verleiden? Als Deutschland die WM bekam, was waren wir stolz, was sind wir stolz. Und ist es nicht auch schön so, dass bei allen Wirtschaftsinteressen jetzt in Asien zwei Länder gezwungen sind, sich zusammenzuraufen? Und schließlich: Wer wird noch an Blatters undemokratische Verbandsführung denken, wenn Zinedine Zidane im dritten Spiel der Franzosen hoffentlich wieder verletzungsfrei auflaufen, aufspielen, bezaubern wird?

Das eine schaffen die Blatters der Welt eben nicht: das Spiel zu verderben. Sie werden mit Geschäftsinteressen keine Leidenschaft zerstören, wie sie umgekehrt mit Geschäftsinteressen auch keine Leidenschaft wecken können. Vor acht Jahren sollte die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA den gleichen Zweck erfüllen wie nun die WM in Fernost. Das Ergebnis: Fußball in den USA, das ist vorwiegend Kinderspiel und Schulsport, eine Sache der Emotionen ist er nicht, kaum anders wird es in Japan und Südkorea sein.

Das ist ja auch tröstlich, dass sich der Fußball Marktanalysen verschließt, und manchmal hat man das Gefühl, dass er sich exakt diametral verhält zu seinen Verwaltern und seinem weiten Umfeld. Hatten wir nicht gerade in Deutschland mit der Pleite des Kirch-Konzerns eine bittere Saison voller Debatten um Quoten, Verdienste und Refinanzierungen? Und was hat der Fußball gemacht? Der hat dem vermeintlich seelenlosesten Klub der Bundesliga, Bayer Leverkusen, Seele eingehaucht.

So gesehen, besteht nach diesem Kongress die Aussicht auf eine traumhafte WM. Wie auch immer sie schließlich werden wird, wer auch immer im Finale die Nase vorn haben wird, wir werden uns vier Wochen am Stück und danach immer wieder neue neunzig Minuten nicht um diese Blatters bekümmern müssen. Das ist das Beste am Spiel.

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