Blogger-Bericht : 18 Sekunden in Syrien

Ein Blogger beschreibt das Überleben und Sterben im täglichen Granathagel des Assad-Regimes.

Basem Ameen
Unzählige Geschosse gehen täglich auch in Damaskus nieder und zerstören viele Stadtteile der Hauptstadt, betroffen ist auch der Vorort Duma.
Unzählige Geschosse gehen täglich auch in Damaskus nieder und zerstören viele Stadtteile der Hauptstadt, betroffen ist auch der...Foto: Reuters

Der Minibus hielt wie üblich an einem der vielen Kontrollpunkte, die man passieren muss, um nach Duma, einer kleinen Stadt im Umland von Damaskus, zu gelangen. Während ich auf die Graffitis blickte, die auf die Häuserwände und Panzer gesprüht waren, fiel mir eine sorgfältig aufgemalte Aufschrift ins Auge. „Baba Amr wird um Dich trauern, Duma.“ Es schien mir wie eine Warnung, dass Duma noch mehr verwüstet werden würde als Baba Amr, ein Stadtteil in Homs. Wir haben uns schon an solche Parolen gewöhnt – das Regime versucht so, Angst zu verbreiten.

Langsam fuhr unser Bus an, wir passierten den Kontrollpunkt. In Duma erfuhr ich, dass auch viele Menschen in der Stadt das Graffiti gelesen hatten. Aber der Slogan hatte den Einwohnern Dumas keine Angst gemacht – ganz im Gegenteil. Anstatt sich zu fürchten, waren die Leute stolz darauf, gegen das Regime zu kämpfen. Als die oppositionellen Gruppen anfingen, sich militärisch zu organisieren, wurde Duma zusehends ein Schauplatz für Zusammenstöße zwischen Truppen der Regierung und bewaffneten Oppositionellen. Innerhalb weniger Tage wurden mehrere hundert Menschen getötet und das tägliche Leben wurde immer schwieriger.

Seit das Bombardement stärker geworden ist, haben die Leute hier eine neue Routine entwickelt, die den Tag in 18-Sekunden-Intervalle unterteilt. 18 Sekunden – so viel Zeit liegt zwischen dem Abschuss und dem Einschlag einer Granate. Jeden Tag wird Duma mit Hunderten solcher Granaten beschossen und jeden Tag sterben in Duma hunderte Menschen in der 18. Sekunde dieses Zeitintervalls. Ich frage mich oft, wie ein Märtyrer seine letzten 18 Sekunden verbringt. Vielleicht macht er sein Testament, betet, zählt die Sekunden, erinnert sich an seine Frau und seine Kinder oder an seine Geliebte. Vielleicht sucht er irgendwo Zuflucht – oder er tut, was mein Vater immer macht: Er steht am Fenster und hält Ausschau nach mir, um sicher zu sein, dass ich es noch rechtzeitig nach drinnen geschafft habe.

Während dieser 18 Sekunden wünschst Du, Du könntest Dir selbst entfliehen. Wenn eine Granate Dein Haus nur streift und auf einem der Nachbarhäuser landet, hast du kurz Zeit, um zu sehen, ob es Tote oder Verletzte gibt, bevor der nächste 18-Sekunden-Adrenalinstoß einsetzt. In dieser 18. Sekunde stirbt vielleicht ein alter Mann, ein Kind oder eine Frau. (...) Oder ein Haus stürzt ein, und die Bäume, die es umgaben, sterben. Alles was Du tun kannst, ist die Sekunden zu zählen, während Du darauf wartest. Wenn die Granate nicht trifft, dann hast Du weitere 18 Sekunden gewonnen in diesem Spiel mit dem Tod. Du wirst leichtsinnig, der Tod verliert für einen Moment seinen Schrecken und scheint nur mehr eine Idee, etwas ganz Normales. Das nächste Mal werde ich an diesen Spruch auf der Wand denken und mich fragen: „Trauerst Du um uns, Baba Amr ?“

Video: Damaskus und Aleppo werden schwer umkämpft

Foto: dpa

In Duma darfst Du keine Schwäche zeigen. Aber es kommt ein Zeitpunkt, an dem Du nicht länger verheimlichen kannst, dass es ermüdend ist, immer zu warten. Dieses Mal verpasste uns die Granate nur knapp. Als das Bombardement immer heftiger wurde, suchten alle Bewohner des Hauses, in dem ich mich befand, Zuflucht in den unteren Etagen. Es war still, trotz der vielen Leute. Die einzigen Geräusche waren das Donnern der Artillerie und die Schreie der Kinder. Die Angst stand den Eltern ins Gesicht geschrieben, als sich ihre Kinder alle 18 Sekunden in ihre Arme warfen. Während dieser 18 Sekunden musst Du ruhig bleiben vor den Kindern, Frauen und Deinen zu Tode erschrockenen Nachbarn. Du darfst Deine Angst nicht zeigen. Es würde Dich nicht erstaunen, wenn die Glocken anfangen würden, alle 18 Sekunden zu läuten.

Nachts, als es ruhig war, war es immer tröstend zu hören, wie ein Mann alle 18 Sekunden „Allahu akbar“ („Gott ist groß“) rief. So wusste ich, dass die Granate das Haus meines Nachbarn verpasst hatte – und er noch lebte.

Den wirklichen Namen des Autors nennen wir aus Sicherheitsgründen nicht. Zuerst veröffentlicht wurde der Text auf www.damascusbureau.org, einer Internetseite unabhängiger syrischer Journalisten.

Aus dem Englischen übersetzt von: Emily Katzenstein

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