Bloody Sunday : Nordirland: Mehr als nur eine Wahrheit

Nach dem Bericht über den „Bloody Sunday“ und die katholischen Opfer der britischen Fallschirmjäger soll nun auch Nordirlands heutiger Vizepremier, der frühere IRA-Kämpfer Martin McGuinness, Rechenschaft ablegen.

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Zeit für die ganze Wahrheit? Die Sinn-Fein-Politiker Gerry Adams und Martin McGuinness (rechts).
Zeit für die ganze Wahrheit? Die Sinn-Fein-Politiker Gerry Adams und Martin McGuinness (rechts).Foto: rtr

Der Saville-Bericht zum Blutbad des „Bloody Sunday“ 1972 hat alte Wunden geöffnet und Kontroversen über den weiteren Aussöhnungsprozess in Nordirland ausgelöst. Im Mittelpunkt steht Kritik an der „asymmetrischen Wahrheitsfindung“ des Berichts über die Erschießung von 14 Demonstranten durch britische Soldaten. Morde und Übergriffe von paramilitärischen Gruppen, die für 90 Prozent der Morde und Tötungen verantwortlich waren, bleiben weiter ungeklärt.

Regierungschef Peter Robinson von der protestantischen DUP forderte nun alle, die während der 30-jährigen blutigen Auseinandersetzungen Gewalt verübt hätten, auf, „auszupacken“. Er dürfte dabei an seinen Stellvertreter Martin McGuinness von der katholischen Republikaner-Partei Sinn Fein gedacht haben. Soldaten des in dem Bericht inkriminierten Fallschirmjägerregiments fordern, auch McGuinness wegen Mordes anzuklagen, falls Soldaten vor Gericht kommen. Für die Soldaten prüft dies die Staatsanwaltschaft bereits. Großbritanniens Premier David Cameron hatte sich im Unterhaus für die „ungerechtfertigte und nicht zu rechtfertigende“ Aktion der Staatsorgane entschuldigt.

"Kommission für Wahrheit und Aussöhnung" vorgeschlagen

Lord Saville kommt in dem wegen seiner Dauer und Kosten von 195 Millionen Pfund heftig kritisierten Bericht zum Schluss, dass keiner der Erschossenen im Januar 1972 Soldaten attackiert oder provoziert hatte. Die Soldaten eröffneten ohne Warnung das Feuer auf Teilnehmer eines Bürgerrechtsmarschs in Derry. Als ein Soldat Warnschüsse in die Luft abgab, glaubten andere, sie würden von der IRA beschossen. Kritisiert wird insbesondere der heute 74-jährige Oberst Derek Wilford, weil er seine Truppe gegen Anweisungen in die von Katholiken besetzte Bogside schickte.

„Wir können nicht erwarten, dass die Wahrheit gesagt wird, wenn wir selbst nicht bereit sein, sie zu sagen. Alle paramilitärischen Organisationen müssen nun zu Protokoll geben, was sie getan haben“, so First Minister Robinson. Der frühere Labour-Nordirlandminister Shaun Woodward forderte, eine bereits vorgeschlagene „Kommission für Wahrheit und Aussöhnung“ wie in Südafrika müsse nun die Arbeit aufnehmen. „3000 Menschen sind getötet worden. Viele Angehörige haben keine Antwort auf ihre Fragen.“

Cameron: "Schmerzlich, neben McGuinness zu sitzen"

McGuinness steht in der Kritik, weil viele seine Aussagen vor Savilles Kommission für unzureichend hielten. Der Vizeregierungschef war 1972 IRA-Kommandant in Derry. Er gab zu, dass er auch am fraglichen Tag „paramilitärischen Aktivitäten“ nachging, schwieg sich über Einzelheiten aber unter Berufung auf die IRA-Schweigepflicht aus. Saville zufolge führte er „wahrscheinlich“ eine Thompson-Maschinenpistole mit sich – eine von nur zweien der IRA damals. Mit einer davon wurden drei Tage vor dem „Bloody Sunday“ in Derry zwei Polizisten ermordet.

Premier Cameron sagte einen Tag nach seiner Entschuldigung im Unterhaus: „Ich finde es manchmal schmerzlich, neben McGuinness am Tisch zu sitzen und zu wissen, was der Mann getan hat.“ Eine letztes Jahr vorgeschlagene Kommission über die Folgen des Konflikts scheiterte an der Ablehnung Sinn Feins, die ein internationales Tribunal fordern.

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