Politik : Bloß die Musik nicht stoppen!

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Schreckliche Zeiten für Leute, die Probleme mit Strahlen haben. Was da alles durch die Gegend fliegt! Handys, die miteinander in Kontakt zu treten versuchen, das drahtlose Netz vom Computer, die Fernbedienung für den Fernseher und den DVD-Spieler und die Standheizung vom Auto, alles überzuckert aus dem All mit GPS-Signalen – kann mal bitte jemand erklären, weshalb diese Daten nie kollidieren und wir beispielsweise nie beim Versuch, die nervtötende TV-Werbung zu stoppen, oben auf dem Mars versehentlich ein Auto in Brand setzen?

Na, das war nur ein willkürliches Beispiel. Aber es wird schlimmer. Grad tobt ein neues Technikgewitter über die Funkausstellung, die ihrem althergebrachten Namen plötzlich wieder Ehre macht und den Menschen zu einer Spinne im Funknetz stilisiert. Sein aktuell wichtigstes Existenzproblem ist demnach folgendes: Er saugt mit Höchst-, ach was: XYDSL-Geschwindigkeit so ungeheuer viele Musikdateien aus dem Netz, dass er 150 Jahre leben und fünf Köpfe mit je vier Ohren besitzen müsste, um einen bedeutenden Teil davon auch wirklich anhören zu können.

Das geht nicht. Also versucht die Industrie, uns die zweitbeste Lösung zu schenken: Musik überall. Und nicht nur Musik! Beim Rasieren im Bad blitzschnell einen Titel aus einer von 1500 CDs auswählen und gleichzeitig im Spiegel die neuesten Urlaubsgrüße aus dem Kamerahandy checken! Mit „Follow Me TV“ einen Film ansehen, eine Flasche Bier aus dem Keller holen, und zack! läuft der Film schon drunten über dem Bierkasten zeitangepasst weiter. Ja, auf der Treppe auch, kein Problem. Der Mensch des 22. Jahrhunderts hat vermutlich keine Lungen mehr, sondern Ohrmuscheln bis auf den Boden. Stoppt die Musik, erstickt er binnen Sekunden.

Das Problem bei der Sache, das geben auch die Hersteller zu, liegt darin, dass es auf den ganzen Welt gegenwärtig etwa drei Filme und dreißig Musikstücke gibt, deren Qualität diesen Aufwand rechtfertigt – umgekehrt aber etwa eine Milliarde Menschen, die sogar Restaurants fluchtartig verlassen, wenn über den Tellern die drei Tenöre jammern oder die Vier Jahreszeiten ausgegossen werden wie dicke Hörsoße.

Es könnte sein, dass sie sogar in der Mehrheit sind. Ein Megaabsatzmarkt! Ein Gerät, das einfach alle Musik im weiten Umkreis zum Verstummen bringt und jeglichen Flachbildschirm schwarz schaltet – das könnte die IFA 2010 beherrschen. Es darf dafür gern durch die ganze Wohnung funken.

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