• Bloß keine US-Truppen im "sensiblen Asien". Die Clinton-Regierung fürchtet in der Debatte vor allem ein Wort: Kosovo

Politik : Bloß keine US-Truppen im "sensiblen Asien". Die Clinton-Regierung fürchtet in der Debatte vor allem ein Wort: Kosovo

Robert von Rimscha

Das Wort, das die US-Regierung beim Umgang mit der Gewalt in Ost-Timor am meisten fürchtet, lautet Kosovo. Der Vergleich mit dem Balkan-Engagement der USA wird immer öfter als Frage gestellt: Warum schützen amerikanische Truppen ein kleines Volk in Südosteuropa, aber jenes andere in Südostasien nicht? Australiens Außenminister hat es gerade so formuliert: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Nation, die ein leuchtendes Beispiel für Freiheitlichkeit und Demokratie ist, jetzt denen den Rücken zuwenden will, die als ganzes Volk abgeschlachtet werden."

Obwohl der internationale Druck und der interne von Menschenrechts-Universalisten zunimmt, sträubt sich die Clinton-Regierung gegen nichts heftiger als gegen eine US-geführte Militärintervention auf der nach Unabhängigkeit strebenden indonesischen Inselhälfte. Clinton hat am Donnerstag die formelle Militärkooperation des Pentagon mit Jakarta vor allem im Ausbildungsbereich (ein Programm für 470 000 Dollar im Jahr) eingefroren, nicht jedoch kommerzielle Waffenlieferungen an Indonesien gestoppt. Gemeinsame Manöver gibt es seit 1998 nicht mehr. Die Washingtoner Finanzinstitutionen IWF und Weltbank setzten gleichzeitig ihre Finanzhilfen für das von der Asienkrise am schwersten betroffene Land aus - die Währung fiel prompt um 20 Prozent, die Börse in Jakarta brach ein.

Politisch-militärisch wiederholen die führenden US-Repräsentanten gebetsmühlenhaft, Indonesiens Regierung habe die Wahl: Selbst eingreifen und der Gewalt marodierender pro-indonesischer Banden ein Ende bereiten - oder einer internationalen Schutztruppe zustimmen. Drei Mal hat Clinton am Donnerstag davon gesprochen, Jakarta müsse eine Schutzmacht "einladen". Erst danach sei ein Votum der Vereinten Nationen denkbar.

Falls es zur bestellten Intervention käme, sollte sich aus US-Sicht eine Militäreinheit um die Stabilität in Ost-Timor kümmern, die "sehr stark asiatisch geführt und kontrolliert ist", wie Clintons oberster Sicherheitsberater Sandy Berger es im US-Fernsehen formulierte. Solch eine Streitmacht wollen die USA dann laut Clinton "unterstützen", was er vor allem auf logistische Hilfestellungen bezog. Was Clinton nicht will, sind US-Truppen in Ost-Timor. Im Wahlkampf um seine Nachfolge wäre ein solches Engagement ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko für Al Gore.

Voller Schadenfreude würden die Republikaner behaupten, Amerika habe sich nun völlig in einer weltweit definierten Gutmenschen-Attitüde verloren und versuche noch im letzten Erdwinkel, lokale Konflikte zu schlichten. Derzeit ist von den Präsidentschaftsanwärtern indes noch nichts zu hören, und dies, obwohl der texanische Gouverneur George W. Bush den ehemaligen US-Botschafter in Indonesien zu seinen wichtigsten Außenpolitik-Beratern zählt.

Clinton entzieht sich der Zwickmühle, indem er auf die "großen asiatischen Sensibilitäten" verweist, die einer sichtbaren US-Rolle entgegenstünden. Das größte Sensibelchen Asiens heißt China, und die latenten Dauerspannungen zwischen Washington und Peking sind nicht nur angesichts der allerjüngsten, gegen Taiwan gerichteten Manöver der Hauptgrund, weshalb Washington sich gerne zurückhalten würde.

Dass Australien sich bereit gezeigt hat, die regionale Führungsmacht zu spielen, kommt Washington recht. Beim beginnenden Wirtschaftsgipfel der pazifischen Staaten in Neuseeland wird Timor das wichtigste Thema sein.

Was die Einschätzung der Lage vor Ort angeht, nimmt die US-Führung kaum mehr ein Blatt vor den Mund. Von einem "Versagen des indonesischen Militärs" spricht Sicherheitsberater Berger und analysiert: "Es ist keine Frage, dass zumindest Elemente des indonesischen Militärs sich ziemlich aktiv an der Unterdrückung in Ost-Timor beteiligen." Bergers Chef, der Präsident, benannte auch jenen Umstand, der wohl am präzisesten die gegenwärtige Lage zwischen Jakarta und Dili charakterisiert: "Niemand hat die faktische Autorität", um der Gewalt Einhalt zu bieten.

Clinton hat in den vergangenen 48 Stunden fast alle westlichen Regierungschefs angerufen, um die Linie zu vereinheitlichen und festzuzurren: Indonesiens Präsident Habibie wird mit "einem sehr hohen Preis" gedroht, wenn er nicht selbst für Ruhe sorgt oder die Tür für eine Schutzmacht öffnet. Dann kommen die UN zum Zuge, dann die Asean-Staaten. Dass bis dahin von Dili und dem Rest Ost-Timors nicht mehr viel übrig sein könnte, weiß Washington. Wie dies verhindert werden kann, dies aber nicht.

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