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Blutige Proteste : Auch in der Nacht zu Sonntag fallen Schüsse in Tunis

Nach der Flucht des tunesischen Machthabers ins Exil mühen sich die Sicherheitskräfte, die öffentliche Ordnung wieder herzustellen. Deutsche Urlauber werden ausgeflogen.

Ralph Schulze
Revolte in Nordafrika: Die Tunesier haben ihren Präsidenten vertrieben - nach 23 Jahren Polizeistaat.
Revolte in Nordafrika: Die Tunesier haben ihren Präsidenten vertrieben - nach 23 Jahren Polizeistaat.Foto: AFP

Militär marschiert durchs Zentrum der Hauptstadt, der Bahnhof brennt. Überall über den Städten stehen Rauchsäulen, Plünderer und Räuber ziehen durch die Straßen und machen Beute. In der Touristenhochburg Monastir an der Küste brennt das Gefängnis, bis zu 50 Menschen kommen allein hier ums Leben. Trotz nächtlicher Ausgangssperre herrschen weiter Chaos und Gewalt in Tunesien, das innerhalb von nur 24 Stunden nach der Vertreibung des Machthabers Zine el Abidine Ben Ali schon den zweiten Übergangs-Präsidenten hat.

Der Reiseveranstalter Thomas Cook flog nach eigenen Angaben alle seine deutschen Kunden aus Tunesien aus. Rund 2000 Urlauber, die sich im Rahmen einer von dem Unternehmen organisierten Reise in dem Land aufgehalten hätten, seien „auf dem Heimweg oder bereits wieder zu Hause eingetroffen“, teilte Thomas Cook mit. Der Reiseveranstalter habe im Tagesverlauf insgesamt neun Sonderflüge angeboten. Auch andere Touristikunternehmen hatten Kunden ausgeflogen.

In Tunis waren in der Nacht zu Sonntag vereinzelt Schüsse zu hören. Die Straßen waren menschenleer, Cafés und Geschäfte geschlossen. Allein die Sicherheitskräfte patrouillierten durch das Zentrum. Die größte Gewerkschaft des Landes, UGTT, rief im Fernsehen zur Gründung von Bürgerwehren gegen Plünderer und Gewalttäter auf.

In einem Krankenhaus der Hauptstadt starb ein Neffe von Ben Alis Ehefrau. Imed Trabelsi sei bereits am Freitag einer Schussverletzung erlegen, sagte ein Klinikmitarbeiter gegenüber AFP. Bei dem Mann handelte es sich um das erste Todesopfer aus Ben Alis Familie.

Das Militär, das sich bei den wochenlangen Demonstrationen zurückgehalten hatte, versucht jetzt mit tausenden Soldaten in der Hauptstadt Tunis und in der Provinz die öffentliche Sicherheit wiederherzustellen. Angeblich sollen die Generäle die Verhaftung von hunderten Geheim- und Elitepolizisten angeordnet haben, die für die Massaker an Demonstranten in den letzten Tagen verantwortlich gemacht werden. Wenigstens 100 Menschen sollen von Polizisten getötet worden sein.

In der Nacht zum Samstag brannten Banken, Supermärkte, öffentliche Gebäude und der Hauptbahnhof von Tunis. Regimegegner griffen im ganzen Land Geschäfte, Firmen und Villen der großen Ben-Ali-Familie sowie Büros der Staatspartei RCD an. Zivile Ben-Ali-Milizen und Regimegegner lieferten sich Kämpfe.

Die Flughäfen wurden wieder geöffnet – aber nur um tausende Touristen aus dem beliebten Urlaubsland auszufliegen, nachdem die Unruhen sich auf die Urlauberregionen ausgedehnt haben.

In vielen Gefängnissen soll es nach Aufständen der Gefangenen Opfer gegeben haben. In Monastir hatten verzweifelte Häftlinge ihre Matratzen in Brand gesteckt, um ihre Entlassung zu erzwingen. Als die Flammen auf das gesamte Gebäude übergriffen und Insassen zu fliehen versuchten, eröffneten Wärter das Feuer auf sie; mehrere seien an Schusswunden gestorben, andere verbrannt. In vielen der Haftanstalten sitzen Bürgerrechtler, Oppositionelle und Demonstranten.

Aus Hammamet berichteten Urlauber von „chaotischen Zuständen“. In der Nähe der Hotels sei es schon vor Tagen zu gewaltsamen Unruhen gekommen. Banken, die dem Ben-Ali-Clan gehörten und die Polizeiwache seien ausgebrannt, Straßenschlachten tobten in der Umgebung.

Unterdessen machte sich die tunesische Opposition Hoffnung auf Reformen und einen demokratischen Wandel nach 23 Jahren Ben-Ali-Diktatur. Am deutlichsten meldete sich nach Ben Alis Sturz zunächst der Generalsekretär der „Erneuerungspartei“ Ettajdid, Ahmed Brahim zu Wort und erklärte: „Um eine neue Epoche zu beginnen, muss wirklich mit den Fundamenten des despotischen Regimes und des korrupten Systems gebrochen werden.“

Übergangspräsident Foued Mebazaa versprach, für Pluralismus und Demokratie einzutreten und die Verfassung anzuerkennen. Mebazaa muss nun binnen 60 Tagen Wahlen ansetzen.

Zunächst hatte der bisherige Ministerpräsident Mohammed Ghannouchi das Amt übernommen. Mebazaa erklärte, Ghannouchi sei noch mit der Regierungsbildung beauftragt. Im Tagesverlauf habe er bereits Vertreter zahlreicher politischer Gruppierungen empfangen, um über eine „Regierung der nationalen Einheit“ zu verhandeln, sagte Mustapha Ben Jaffar von der Organisation Demokratisches Forum für Arbeit und Freiheit. Am Sonntag sollten die Gespräche fortgesetzt werden.

Die Verantwortlichen für die „Verbrechen an unschuldigen Bürgern, Korruption, unrechtmäßige Bereicherung und Unterschlagung öffentlicher Güter“ gehörten vor Gericht gestellt, meinte Ahmed Brahim von der Erneuerungspartei weiter. Alle Gesetze, welche die Freiheit der Bürger beschränkten, müssten jetzt dringend aufgehoben werden. Für die Überwachung der Neuwahl von Präsident und Parlament forderte er eine „unabhängige nationale Kommission“.

Neben der „Erneuerungspartei“ Ettajdid existieren nur noch zwei weitere kleine Oppositionsparteien in Tunesien: das „Demokratische Forum“ und die „Demokratische Fortschrittspartei“ PDP, in der sich vor allem der Anwalt Najib Chebbi in den letzten Monaten als Führungsfigur profilierte. Vor allem Chebbi wird von westlichen Diplomaten als glaubwürdiger Vertreter der Opposition eingeschätzt.

Der Anwalt sprach nach Ben Alis Flucht im französischen Fernsehen von einem entscheidenden Moment in der tunesischen Geschichte. Der Machtwechsel müsse tiefgreifende Reformen bringen und die Bürger müssten mehr Freiheiten erhalten. Ähnlich äußerte sich der Parteivorsitzende des Demokratischen Forums, Mustafa Ben Jaafar. Nicht zu unterschätzen als Machtfaktor sind freilich auch die Islamisten, welche unter Ben Ali ganz verboten waren, jedoch in Tunesien wie in den arabischen Nachbarstaaten ein erhebliches Sympathisantenpotenzial haben.

Auch westliche Regierungen sahen die tunesische Bürgerrevolution als Möglichkeit zu einem demokratischen Neuanfang. Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel rief die Übergangsführung in Tunis auf, die Chancen für eine Umgestaltung des Landes wahrzunehmen. „Gehen Sie auf die protestierenden Menschen zu und führen Sie wirkliche Demokratie ein“, appellierte die Kanzlerin. Es sei unabdingbar, die Menschenrechte zu respektieren, Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit zu garantieren. Deutschland wie auch die gesamte Europäische Union stünden Tunesien bei einem solchen Neuanfang zur Seite. mit dpa/dapd/AFP

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