Politik : Blutiger Jahrestag

Sieben Jahre nach Öcalan-Festnahme erlebt die Türkei eine neue Gewaltwelle

Susanne Güsten[Istanbul]

Die Täter wollten so viele Menschen treffen wie möglich. In den Stunden nach Feierabend sind die türkischen Supermärkte besonders voll, und so war es auch am Montag im „Kiler“-Markt im Istanbuler Stadtteil Bahcelievler. Kurz nach 19 Uhr wurde der Eingangsbereich des Supermarktes von einer Explosion erschüttert, 15 Menschen wurden verletzt. Zu der ferngezündeten Bombe bekannten sich die „Freiheitsfalken Kurdistans“ (Tak), eine Splittergruppe der PKK. Der Zeitpunkt des Anschlags war wahrscheinlich kein Zufall: Am Mittwoch jährte sich zum siebten Mal die Festnahme von PKK- Chef Abdullah Öcalan.

Die Tak steht im Verdacht, im Auftrag der PKK Anschläge auf zivile Ziele außerhalb der türkischen Kurdengebiete zu verüben. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass sich das Image der Kurdenorganisation im Westen noch weiter verdüstert. Im vergangenen Jahr zündete die Tak mehrere Bomben im westtürkischen Urlaubsgebiet an der Ägäis. Dabei starben fünf Menschen. Vergangene Woche legten Tak-Mitglieder einen Sprengsatz in einem Istanbuler Internetcafe – ein Besucher wurde getötet, einem anderen wurden beide Beine abgerissen. Nach der Explosion im „Kiler“-Supermarkt kündigte die Gruppe weitere Gewalttaten an. Die Behörden verstärkten die Sicherheitsvorkehrungen.

Die PKK rief ihre Anhänger für Mittwoch zu einem eintägigen Generalstreik auf, um gegen das „internationale Komplott“ zu protestieren, das am 15. Februar 1999 zur Festnahme ihres Chefs geführt habe. Öcalan war damals vom türkischen Geheimdienst in Nairobi gestellt worden. Amerikanische Geheimdienste sollen den Türken damals allerdings geholfen haben, Öcalan aufzuspüren. Der PKK-Chef sitzt seitdem auf der Gefängnisinsel Imrali bei Istanbul.

Auch wenn die PKK im türkischen Südosten nach wie vor Einfluss hat, ist nicht zu übersehen, dass die Organisation ohne Öcalan an Bindekraft verliert. Blutige Abrechnungen und die Liquidierung von Dissidenten sind die Folge. Am vergangenen Wochenende starb der ehemalige PKK- Europachef Kani Yilmaz, der sich von der Organisation losgesagt hatte, bei einem Bombenanschlag im Nordirak.

Vom Staat verlangt die PKK die Freilassung Öcalans und eine Generalamnestie für die rund 5000 Kämpfer der Rebellengruppe. Ankara lehnt das aber ab: Aus Sicht der allermeisten Türken trägt die PKK die Verantwortung für den Tod von fast 40 000 Menschen im Krieg zwischen der Kurdenguerrilla und der türkischen Armee zwischen 1984 und 1999. Die Schatten dieses schmutzigen Krieges lasten nach wie vor schwer auf dem Land.

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