Politik : Böse Erinnerung

Frankreich und Belgien setzen sich mit ihrer Rolle beim Genozid auseinander

Klaus Bachmann[Brüssel]

Zehn Jahre nach dem Völkermord kommen auch in Frankreich und Belgien die Erinnerungen wieder an die Oberfläche. Oberst Luc Marchal, 1994 Befehlshaber der Sektion Kigali bei der damaligen Blauhelmtruppe Minuar, hat es nicht überwunden, dass seine Truppe von Brüssel abgezogen wurde, als das Morden in vollem Gange war. „Wir haben andere Länder gebeten, auch abzuziehen, damit wir das Gesicht wahren konnten. Diese Rolle als Feigling, das ist am schwersten zu verwinden.“ Der unrühmliche Abzug war die Reaktion auf die Ermordung von zehn schlecht bewaffneten belgischen Fallschirmspringern, die Ruandas Ministerpräsidentin Agathe Uwilingimana schützen sollten.

Belgien und Frankreich brachten erst ihre Bürger, danach ihr UN-Kontingent außer Landes – und räumten kampflos das Feld vor den Hutu-Milizen. Die waren zuvor systematisch hochgerüstet worden. Frankreich lieferte selbst dann noch Waffen, als der Völkermord schon in vollem Gang war. Mehrere französische Enthüllungsbücher behaupten, französische Soldaten hätten 1994 sogar auf der Seite der Milizen gegen die Tutsi gekämpft und sich an Morden beteiligt. Ruandas Präsident Paul Kagame wirft Paris zudem vor, durch die Errichtung so genannter Sicherheitskorridore Tätern zur Flucht verholfen zu haben. Frankreichs Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie wies die Vorwürfe am Mittwoch zurück. Französische Truppen hätten vielmehr geholfen, einen „totalen Völkermord“ zu verhindern, sagte sie.

Belgiens Premier Guy Verhofstadt entschuldigte sich dagegen schon vor Jahren öffentlich für das Verhalten seines Landes. Als einziger westlicher Regierungschef reiste er zu den Trauerfeiern und bat die Überlebenden am Mittwoch erneut um Vergebung.

In Belgien wird über den Zusammenhang zwischen dem Kolonialismus und dem Völkermord von 1994 diskutiert. Als ehemalige Kolonalmacht bediente sich Belgien einst gezielt der Tutsi, um die Hutu zu kontrollieren. Schon früh wurde so der Hass unter den Bevölkerungsgruppen geschürt. Der frühere UN-Befehlshaber, Romeo Dallaire, behauptet, bei den belgischen Blauhelmen, die zur Überwachung des brüchigen Friedensabkommens in Ruanda eingesetzt waren, sei derselbe rassistische Impuls ausgebrochen, der schon die Politik Belgiens zu Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt habe. Sein Buch hat in Belgien Kontroversen ausgelöst.

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