Politik : Bomben und Gespräche

Türkei greift im Irak ein – und will verhandeln

Susanne Güsten

Istanbul - Die türkische Armee hat erstmals Kampfflugzeuge nach Irak geschickt, um Lager der PKK-Kurdenrebellen zu bombardieren. Die Jets vom Typ F-16 griffen mutmaßliche PKK-Stützpunkte etwa 50 Kilometer tief auf irakischem Territorium an. Nach unbestätigten Medienberichten in der Türkei sollen auch die ersten Bodentruppen sowie Hubschrauber die Grenze überschritten haben. Die Angriffe bilden aber noch nicht den Beginn einer großflächigen Offensive. Vielmehr sollen sie den Druck auf die PKK erhöhen und zugleich dem Irak und den USA signalisieren, dass die Zeit zur Verhinderung einer Invasion im Nordirak abläuft. Washington ist offenbar bereit, den Türken bei gezielten Angriffen auf die PKK zu helfen.

„Den Finger am Abzug und den Blick auf Washington gerichtet“: So beschrieb der Fernsehsender CNN-Türk am Mittwoch die Stimmung in Ankara. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan will mit einem Befehl für eine breite Offensive im Irak bis zu seinem Besuch in den USA Anfang November warten, doch das schließt begrenzte Militäraktionen gegen die PKK-Lager im Irak nicht aus. Vizepremier Cemil Cicek wurde mit den Worten zitiert, die Armee habe die Erlaubnis erhalten, PKK-Trupps über die Grenze nach Irak hinein zu verfolgen. Am Mittwoch beriet der Nationale Sicherheitsrat einen Einmarsch.

Erdogans Regierung versucht, eine Balance zwischen den militärischen Vorbereitungen für eine Intervention und den diplomatischen Bemühungen zur Verhinderung eines Krieges zu finden. Am Donnerstag erwartet Ankara eine hochrangige Delegation der irakischen Regierung, die über konkrete Schritte zur Bekämpfung der PKK im Nordirak reden will. Auch die Regierung des von Kurden beherrschten Nordirak rief die PKK jetzt auf, die Waffen niederzulegen und ab sofort das irakische Staatsgebiet nicht mehr als Basis für Angriffe in der Türkei zu nutzen. Die USA boten Ankara einen Austausch von Geheimdienstinformationen an, um gezielte Militäraktionen gegen die PKK im Nordirak zu ermöglichen. Kommende Woche wollen sich die Außenminister der USA, der Türkei und des Irak in Istanbul treffen. Doch auch der innenpolitische Druck auf die Erdogan-Regierung wächst. Fast täglich gibt es Demonstrationen, bei denen ein Einmarsch gefordert wird. Eine Welle des Nationalismus hat das Land erfasst. Allein in den vergangenen Tagen wurden nach Zeitungsberichten fast 15 Millionen türkische Fahnen verkauft. Seit dem Tod von zwölf Soldaten beim jüngsten PKK-Anschlag am vergangenen Wochenende haben sich mehr als 4000 Freiwillige zum Dienst in der Armee gemeldet. Susanne Güsten

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