Bombenanschläge in Indien : Eskalation des Terrors

Zu der Bombenserie in der Metropole Ahmedabad mit 45 Toten bekennen sich Mudschaheddin - eine einheimische Gruppe. Doch Indiens Geheimdienste machen reflexartig ausländische Islamisten verantwortlich.

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]
Bombenentschärfung in Indien
Die letzte Bombenserie forderte 45 Menschenleben, über 150 wurden verletzt. -Foto: AFP

Selbst vor den Krankenhäusern waren die Menschen nicht vor den Bomben sicher. Als die Krankenwagen mit Verletzten die Hospitäler erreichten, gingen auch dort Sprengsätze hoch. Erneut hat eine blutige Bombenserie Indien geschockt. Und sie folgte offenbar einer perfiden, zeitlich genau geplanten Dramaturgie. Binnen 70 Minuten erschütterten am Samstagabend gleich 17 Explosionen die westindische Millionenmetropole Ahmedabad. Die Zahl der Toten stieg bis Sonntag auf 45. Weitere 161 Menschen wurden verletzt. Premierminister Manmohan Singh rief die Menschen auf, Ruhe zu bewahren.

Es war bereits die dritte Anschlagsserie dieser Art in weniger als drei Monaten. Und in Indien machte sich ein Gefühl wachsender Bedrohung breit. Erneut bekannte sich eine bisher eher unbekannte Gruppe namens „Indische Mudschaheddin“ zu der Schreckenstat. Nur fünf Minuten vor der ersten Explosion habe die Gruppe die Terrorattacke in E-Mails an TV-Sender angekündigt, berichteten Zeitungen. Sie hätten weitere Anschläge angedroht. In Indiens Metropolen wurde die Alarmstufe erhöht. Viele Inder mieden am Sonntag Kinos und belebte Plätze, in Ahmedabad wagten sich viele Einwohner nicht aus ihren Häusern.

Erst am Freitag hatte eine Bombenwelle die IT-Metropole Bangalore heimgesucht und zwei Menschen getötet. Beide Attacken ähnelten dem Muster der Anschläge Mitte Mai in der Touristenstadt Jaipur im Wüstenstaat Rajasthan. Damals starben 65 Menschen. Die „Indischen Mudschaheddin“ haben sich auch zur Attacke in Jaipur und anderen Attacken bekannt. Zu Bangalore äußerten sie sich nicht.

Erst Jaipur. Dann Bangalore. Nun Ahmedabad. Alle drei Terrorziele haben eins gemein: Sie sind Hauptstädte von Bundesstaaten, die von den Hindu-Nationalisten der BJP regiert werden. Ahmedabad im Bundesstaat Gujarat war zudem Schauplatz schlimmer religiöser Unruhen. Dort hatten Hindu-Fanatiker 2002 Hunderte Muslime abgeschlachtet. Gujarat wird von dem BJP-Politiker Narendra Modi regiert. Man wirft ihm vor, das Massaker damals gedeckt zu haben. Allein in seinem Wahlbezirk Maninagar gingen vier Sprengsätze hoch. Die Täter nannten ausdrücklich Vergeltung als Motiv.

„Wer ist als Nächstes dran“, titelte die „Sunday Times“. Dazu zeigte sie auf einem Foto die blutigen Leichen eines Mannes und einer Frau im hellgelben Sari. Regungslos liegen sie neben einem Holzkarren voller Obst und Gemüse auf dem Straßenpflaster. Die Täter hatten die eher primitiven, selbst gebastelten Bomben an Fahrrädern, Rikschas und Autos befestigt und an belebten Plätzen wie Märkten, Krankenhäusern und Bushaltestellen platziert. Sie waren mit Metallbolzen und Muttern gefüllt und wurden mit Weckern zeitgezündet.

Laut Zeitungen räumten Sicherheitskreise ein, dass es sich um eine „ernste Eskalation” der Terrorgefahr in Indien handelt. Die Anschläge gegen Hospitäler würden an Terrortaktiken von Al Qaida im Irak erinnern. 30 Verdächtige seien am Sonntag festgenommen worden, hieß es. Reflexartig machen Indiens Geheimdienste regelmäßig ausländische Terrorgruppen, meist aus Pakistan oder aus Bangladesch, für Anschläge auf indischem Boden verantwortlich. Dahinter dürfte auch die Angst vor Unruhen zwischen Hindus und Muslimen stehen. Schon ein Funke kann blutige Krawalle entzünden. Aufgeklärt wurde aber so gut wie keine der Terrorattacken.

Ein Thema wird in Indien dagegen aus Sorge vor Gewaltausbrüchen eher ausgeblendet: Dass der Terror hausgemacht sein könnte. Dass im eigenen Land eine Generation von neuen, religiösen Extremisten heranwächst, die Terrorgruppen wie Al Qaida nacheifern und den Dschihad nun auch nach Indien tragen. Ausdrücklich bezeichneten sich die „Indischen Mudschaheddin“ als Einheimische. „Wir, die Terroristen von Indien“, erklärten sie in ihrer Bekenner-Mail, „stammen von Indiens eigenem Boden.“

Auch der Terrorexperte V. Balachandran sagte der Zeitung „Asian Age“, die eher primitiven Bomben deuteten auf Amateure hin und nicht auf professionelle Terrorgruppen aus dem Ausland. Auch er sieht SIMI in die Anschläge verwickelt. Balachandran warnte davor, die Augen vor der Entwicklung zu verschließen. SIMI habe sich über ganz Indien ausgebreitet. In der „Economic Times“ schrieb ein Leser: „Lasst uns der Wahrheit ins Gesicht sehen: Der Dschihad-Terrorismus hat Indien erreicht.“

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben