Politik : Bombenanschlag in Moskau: "Wir leben seit zwölf Monaten im Krieg"

Elke Windisch

Eigentlich wollten die Moskauer den letzten Tag im ersten Jahr der Ära Putin gemütlich vor dem Fernseher ausklingen lassen: Mit eine Büchse Bier und Kartoffelchips. Doch der Appetit verging den meisten schon bei den ersten Bildern der Abendschau. Stöhnend wälzte sich eine Frau mit zerstörtem Gesicht in ihrem Blut auf der Trage von Sanitätern. Kameras und Fotoapparate fingen sogar Bilder der sonst hart gesottenen Männer aus den Rettungsmannschaften vom Ministerium für Katastrophenschutz ein, die hysterisch schluchzten. Im Moskauer Sklifassowski-Krankenhaus, wo schwerste Verbrennungen behandelt werden, brach sogar unter dem Personal Panik aus: "Ogott", sagte eine nicht mehr junge Ärztin, die ihren Tränen freien Lauf ließ, "die haben uns eine Patientin gebracht, von der nur die Augen heil sind. Alle Haut ist verbrannt."

Mindestens acht Tote und dreiundfünfzig Verletzte, darunter gut ein dutzend kritische Fälle, sind die erste grausige Bilanz des Sprengstoffanschlags, der gestern Abend im Zentrum Moskaus, keine achthundert Meter vom Kreml entfernt, verübt wurde. Unter den Opfern sind auch mehrere Kinder und eine schwangere Frau. Ort und Zeit hatten die Terroristen - und dass es sich um eben diese handelt, schließen auch offizielle Stellen nicht länger aus - gut gewählt. Der Puschkin-Platz im Zentrum der russischen Hauptstadt, keine achthundert Meter vom Kreml entfernt, ist eine gigantische unterirdische Flaniermeile, wo selbst gegen Mitternacht noch Hochbetrieb herrscht.

Der Sprengsatz - gut anderthalb Kilo TNT - den die Attentäter in einem Papierkorb im Eingangsbereich des weit verzweigten Labyrinths deponiert hatten, ging um 18.04 Uhr in die Luft. Zu einer Zeit, in der die Moskauer von der Arbeit kommen und auf dem Weg zur Metro an den Kiosken noch schnell ein paar Einkäufe erledigen. Der Puschkin-Platz aber ist noch dazu einer der wichtigsten Umsteigebahnhöfe für die Moskauer U-Bahn. Gleich drei Stationen kreuzen sich hier. Auf den engen, hoffnungslos überalterten Rolltreppen drängen sich zur Rush-hour Tausende von Menschen.

Sie, so Marina, eine zwanzigjährige Studentin, habe immer zum lieben Gott gebetet, er möge bloß ein Auge drauf haben, dass hier zu Spitzenzeiten kein Brand ausbricht. Genau das aber geschah gestern Abend. Als die Sprengladung detonierte, waren Schweißer in den Fußgängertunneln am Werk. Durch die Explosion, so erste Vermutungen, habe sich das Ethylen entzündet. Die Verkleidungen der zahlreichen Kioske, die zumeist aus Plastik sind, fingen im Nu Feuer. Giftiger Rauch drang noch am späten Abend an die Erdoberfläche. Unter der Erde muss die Hölle los gewesen sein. Die ersten Passanten, die mit rußgeschwärzten Gesichtern ins Freie stolperten, konnten nicht fassen, dass sie mit dem Leben davongekommen sind. Da unten herrscht die blanke Panik, sagte eine Hausfrau, die sichtlich unter Schock stand: Bei dem Gedrängel seien mehrere Menschen zu Boden gerissen und von den Nachdrängenden buchstäblich zertrampelt worden. Auch der Radiosender Echo Moskwy berichtete, dass mehrere Opfer auf das Konto der irren Angst gingen, die die Menge kopflos machte. Bis spät in die Nacht waren nicht nur die Unfallstelle selbst, sondern das gesamte Stadtzentrum von bewaffneten Ordnungskräften und Rettungsmannschaften des Ministeriums für Katastrophenschutz abgesperrt. Auch Minensucher mit Hunden waren die ganze Nacht über am Werk: In einem Delikatessengeschäft am Eingang zur Unterführung war ein zweiter Sprengsatz gefunden worden.

Kreml, Zentralregierung und Stadtoberste zeigten sich gleichermaßen hilflos. "Tja, was soll ich sagen", stammelte Alexander Musikantskij, einer der Stellvertreter von Moskaus Oberbürgermeister Jurij Luschkow, hilflos vor laufender Kamera: "Wir leben eben seit einem Jahr im Krieg." Das sind ganz neue Töne. Wladimir Putin, der sich mit Mitgliedern des Sicherheitsrates bis spät in die Nacht im Kreml zur Krisensitzung einschloss, sprach bisher stets nur von einer Anti-Terror-Operation, wenn von Tschetschenien die Rede war. Und am liebsten werde er das leidige Thema überhaupt nicht erwähnen.

Experten hatten frühzeitig gewarnt: Wenn der Kreml das Problem der abtrünnigen Republik mit Waffengewalt lösen will, droht ein Partisanenkrieg, dessen Fronten überall und nirgends verlaufen. Auch in Moskau, wo die Bevölkerung den Schock noch nicht restlos überwunden hat, den die Zehn-Millionen-Stadt bei den drei Terroranschlägen im letzten Herbst davontrug. Äußerlich schien längst alles wieder gut. Die Moskowiter amüsierten sich, solange der Geldbeutel mitspielte. Doch jeder lugte misstrauisch in Müllcontainer, ob da nicht verdächtige Gegenstände herumliegen. Und so manche Hausgemeinschaft schickte noch im tiefsten Winter schlaflose Rentner mit Krückstock und Schoßhund nachts um den Block, um die Terroristen zu vergraulen. Genau dazu hatte Wladimir Putin, damals noch Premier, aufgerufen. Wer Ordnung wolle, müsse selbst sein Teil dazu beitragen.

Der Ruf nach Ordnung erschallt auch jetzt bereits wieder, und sogar das Feindbild vom letzten Jahr lässt sich problemlos recyceln. Obwohl Tschetschenenpräsident Aslan Maschadow sich von dem Anschlag bereits distanzierte und die tschetschenische Spur auch bei den Anschlägen im Vorjahr nicht bewiesen werden konnte. Nationalistenführer Wladimir Schirinowski rief bereits zur Nacht der langen Messer. Nur ein toter Tschetschene, zitierten ihn Reporter des Staatsfernsehens, sei ein guter Tschetschene.

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