• Bombenanschlag von Düsseldorf: Die meisten Opfer waren Juden. Das kann Zufall gewesen sein. Ohne Beweise gibt es bloß Spekulationen

Politik : Bombenanschlag von Düsseldorf: Die meisten Opfer waren Juden. Das kann Zufall gewesen sein. Ohne Beweise gibt es bloß Spekulationen

Malte Lehming,Vanessa Liertz

Er weiß es ja selber nicht. Wie könnte er auch? Bis auf den Täter weiß keiner am Freitagnachmittag, wer den Sprengsatz gelegt hat. Die Polizei weiß es nicht, der Staatsanwalt nicht, und ebenso wenig weiß es Paul Spiegel, der Präsident des Zentralrats der Juden. Die Ermittlungen laufen noch. Wer jetzt Verdächtigungen streut, kann sich wenig später schon blamiert haben.

Etwa 15 Gehminuten ist es von Spiegels Büro bis zur S-Bahnstation "Wehrhahn" in Düsseldorf. Doch selbst die Nähe zum Tatort lässt Spiegel nicht nervös werden. Bloß keine Hysterie schüren, die sich lediglich stützt auf Ängste, Ahnungen und Sorgen. Spiegel beherrscht sich. Er warnt vor verfrühten Spekulationen über mögliche antisemitische Motive. Er verurteilt den Anschlag als "Attentat gegen Menschen, unabhängig davon, ob es sich um Deutsche, Ausländer oder Juden handelt". Kurz zuvor hatte die Staatsanwaltschaft bekannt gegeben, dass die meisten Opfer Juden seien, eingewandert aus der ehemaligen Sowjetunion.

"Sie hat sich so auf das Baby gefreut. Es war ein Wunschkind, das sie sich mit ihrem Mann in der Ukraine nicht leisten konnte." Die Deutschlehrerin Olga Pankratz ringt um Fassung, als sie über ihre "Lieblingsschülerin" Tatjana L. spricht. Die 26-jährige gebürtige Ukrainerin gehörte zusammen mit ihrem 28 Jahre alten Mann Michail zu den am schwersten getroffenen Opfern des Bombenanschlags. Sie verlor - im fünften Monat schwanger - ihr Baby. Ein Bein wurde ihr durch die Wucht der Detonation fast abgetrennt und musste von den Ärzten in einer vierstündigen Operation wieder angenäht werden. Fast 20 Stunden lang kämpften die Mediziner um das Leben von Tatjana L.

Alle Opfer des Anschlages besuchten den Deutschkurs in einer Sprachschule in Düsseldorf. "Ich habe sie noch ein paar Minuten vor der Explosion gesehen", erzählt die 46-jährige Deutschlehrerin. Sie habe sogar selbst den Knall gehört, als sie nach dem Unterricht das Haus verließ. "Aber ich habe mir nichts dabei gedacht."

Gerade die Einwanderer liegen Paul Spiegel am Herzen. In den letzten Jahren sind 50 000 russischsprachige Juden nach Deutschland gekommen. Die jüdische Gemeinde in Düsseldorf hat heute mehr Mitglieder als vor dem Zweiten Weltkrieg. Doch nur ein Prozent der Zuwanderer spricht Deutsch. "Ohne die deutsche Sprache ist es unmöglich, in den Arbeitsprozess zu kommen", sagt der 62-jährige Künstleragent, "es ist eine der wichtigsten Aufgaben der jüdischen Gemeinde, ihnen Sprachunterricht zu verschaffen." Nur dann gelinge es, sie nicht auf Dauer zu Sozialhilfeempfängern zu machen. Die Bombe in Düsseldorf explodierte wenige Minuten, nachdem der Deutschkurs für Ausländer zu Ende war.

Täglich, von 8 Uhr 30 bis 15 Uhr, lernten die Teilnehmer dort Deutsch. Viele von ihnen sind Juden. Stets zur selben Zeit nahmen sie dieselbe S-Bahn. Am Tag nach der Tat sorgte in der Schule vor allem die Möglichkeit eines rechtsradikalen Hintergrunds für Unruhe. "Wir haben noch nie fremdenfeindliche Anrufe oder Drohungen bekommen", sagt Schulleiter Norbert Kuge. Noch am Donnerstag war im Sprachkurs über Rechtsradikalismus diskutiert worden. "Keiner hat sich bedroht gefühlt", erzählt Frau Pankratz. Doch der Anschlag hat alles verändert. Die Lehrerin gesteht: "Jetzt habe ich Angst."

Seit einem halben Jahr ist Spiegel der Präsident des Zentralrats, seit 1967 ist er ununterbrochen ehrenamtlich für die Gemeinde aktiv. Ein Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion habe ihn mal gefragt, erzählte Spiegel am Tag seiner Wahl als Nachfolger für Ignatz Bubis, wie viel Geld er für seine Tätigkeit bekomme. Gar nichts, hat Spiegel geantwortet. Dann sei er entweder bekloppt oder ein Lügner, habe der Einwanderer erwidert. Damals hat Spiegel kurz gelacht: "Man muss vielleicht ein bisschen bekloppt sein, um das machen zu wollen."

"Allergrößte Sorgen"

An all das wird er sich an diesem Tag vielleicht erinnern. Vielleicht denkt er auch an seine Familie, die vor den Nazis nach Belgien geflohen war, als er zwei Jahre alt war. Die Schwester wurde vermutlich in Bergen-Belsen ermordet, der Vater überlebte Buchenwald, Auschwitz und Dachau. Für ihn, den kleinen Jungen, waren die Deutschen damals "große Monster, die jüdische Kinder ermorden". Und vielleicht erinnert sich Spiegel an seine unheilvolle Ahnung von vor gut einer Woche: "Der Wind bläst uns so stark entgegen wie noch nie in den letzten 50 Jahren. Ich mache mir allergrößte Sorgen über diese Entwicklung." Vielleicht erinnert sich Spiegel daran. Noch weiß niemand, wer der Täter ist. Noch muss er sich zurückhalten.

Ein fremdenfeindliches Motiv, sagt die Staatsanwaltschaft, sei nicht auszuschließen. Sie ermittelt wegen versuchten Mordes. Nach dem Strafgesetzbuch kann der Tod des ungeborenen Kindes nicht als Mord geahndet werden. "Mensch wird man mit der Geburt", sagt der Jurist Manfred Maiwald, der Strafrecht an der Universität Göttingen unterrichtet. "Wenn man die Leibesfrucht beeinträchtigt, ist dies kein Tötungsdelikt." Wer dies vorsätzlich und gegen den Willen der Mutter tue, könne allerdings wegen Abtreibung mit einer Haft zwischen sechs Monaten und fünf Jahren bestraft werden. Ein fahrlässiger Täter gehe dagegen straffrei aus. Warum, erläutert Maiwald am Beispiel eines Autounfalls, bei dem eine Frau ihr ungeborenes Baby verliert: "Noch nie ist jemand auf die Idee gekommen, den Verursacher wegen Abtreibung zu bestrafen."

Rechtlich wird der Verlust des ungeborenen Kindes damit genauso behandelt wie die schwere Beinverletzung der 26-Jährigen: als Körperverletzung oder gefährliche Körperverletzung der Mutter. Gefährliche Körperverletzung wird mit drei Monaten bis fünf Jahren Haft bestraft. Bei versuchtem Mord liegt der Strafrahmen zwischen drei und fünfzehn Jahren Gefängnis.

Gestern fiel in Düsseldorf der Deutschunterricht für Ausländer aus. Eine 42-jährige Russin steht daher vergeblich vor der Schule: "Wir wurden hier schon öfter angemacht. Russen und Juden sind hier nicht sehr beliebt", sagt sie. "An diesem Ort gibt es Leute aus der rechten Szene, aber auch extreme Ausländer", sagt dagegen Hakki Gülay, dessen Schuhmacherwerkstatt rund 50 Meter von der S-Bahnstation entfernt ist. Vom Hauptbahnhof seien "komische Gestalten" in den Stadtteil gekommen. "Es gibt hier viele Junkies und Dealer." Noch weiß keiner, wer der Täter war. Der Verdacht kann sich als falsch erweisen, dass der Anschlag Ausländern galt. Oder Juden.

Auch Paul Spiegel weiß das nicht. Während der Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft erinnert ein Mann an den 26-jährigen Griechen, der vor drei Wochen am Düsseldorfer S-Bahnhof Dehrendorf angeblich von sieben Skinheads erschlagen wurde. Der Oberstaatsanwalt hebt die Hände. Auch hier, gibt er zu Bedenken, seien die Ermittlungen nach den Motiven noch nicht abgeschlossen.

Die Suche geht weiter. Womöglich wird sie lange dauern. Manchmal sind Ahnungen fast so schlimm wie Gewissheiten.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben