• Bombenanschlag von Düsseldorf: Noch ist kein Täter gefasst, doch die Polizei ermittelt vorrangig in Richtung eines antisemitischen Anschlags

Politik : Bombenanschlag von Düsseldorf: Noch ist kein Täter gefasst, doch die Polizei ermittelt vorrangig in Richtung eines antisemitischen Anschlags

Frank Jansen

Otto Schily hat mit seiner öffentlichen "Vermutung" den Blick darauf gelenkt, dass der Anschlag an der Düsseldorfer S-Bahn auch einen rassistischen Hintergrund haben könnte. Sechs der neun Opfer sind Einwanderer jüdischen Glaubens aus der früheren Sowjetunion. Was der Bundesinnenminister damit wohl auch sagen wollte: Es wird vorrangig in Richtung eines antisemitischen Anschlags ermittelt.

Das erinnert an zwei rechtsextremistische Attentate mit Sprengstoff, die bisher nicht aufgeklärt sind. Am 19. Dezember 1998 flog in Berlin die massive Platte auf dem Grab von Heinz Galinski, dem einstigen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, in die Luft. Knapp drei Monate später, am 9. März 1999, explodierte in Saarbrücken, neben der Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht, ein Sprengkörper. In beiden Fällen gelang es bisher nicht, den oder die Täter zu fassen - obwohl jeder Anschlag mit enormer Präzision verübt wurde und somit der Kreis der Tatverdächtigen klein ist. Sollte sich bei den Ermittlungen in Düsseldorf der Verdacht bestätigen, dass der Sprengsatz über eine Fernzündung zur Explosion gebracht wurde, wird die Polizei ebenfalls einen oder mehrere Profi-Täter suchen.

Ob in der rechten Szene oder in einem anderen Milieu, kann noch niemand genau sagen. Dennoch drängt sich die Frage auf, wie weit das Verbrechen von Düsseldorf mit denen in Berlin und Saarbrücken verglichen werden kann. Die Hypothese, in Düsseldorf sei der Sprengsatz so präzise gezündet worden, dass jüdische und nicht-jüdische Aussiedler das Ziel gewesen sein mussten, ähnelt den Erkenntnissen nach den Anschlägen auf das Galinski-Grab und der Wehrmachtsausstellung. In Berlin und Saarbrücken knallte es exakt in den Minuten zwischen den Streifengängen von Wachschützern. Ob für den oder die Täter die Schonung von Menschenleben ausschlaggebend war, ist offen. In den Sicherheitsbehörden war indes die Sorge zu vernehmen, die zwei "gelungenen" Anschläge auf "Sachobjekte" könnten militante Rechtsextremisten auch zu Attentaten auf "lebende Ziele" animieren - über die täglichen Straßenattacken auf Ausländer und andere Opfer hinaus.

Die Detonationen von Berlin und Saarbrücken fanden jedenfalls in der rechten Szene ein enormes Echo. Waren terroristische Aktionen zuvor aus taktischen Gründen abgelehnt worden, befürworten seit den beiden Anschlägen immer mehr Neonazis den bewaffneten Kampf. Darauf haben erst in jüngster Zeit die Präsidenten von Bundeskriminalamt und Bundesamt für Verfassungsschutz hingewiesen. Als potenzielle Opfer rechter Terroristen gelten vor allem Linke, Angehörige der Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden, demokratische Politiker - und Juden. Antisemitische Totschlagsparolen sind in der Szene populär und werden massenhaft über Skinhead-Musik und Propagandablätter verbreitet.

Welches Tätermilieu käme in Düsseldorf oder Saarbrücken oder Berlin in Frage? Die Anschläge auf Wehrmachtsausstellung und Galinski-Grab gehen nach Ansicht zahlreicher Experten zweifellos auf das Konto von Rechtsextremisten. Heinz Galinski, der hartnäckig vor antisemitischen Tendenzen in der Bundesrepublik warnte, war für Neonazis eine herausragende Hassfigur. Mit dem gleichem Furor hetzte die Szene, im Einklang mit vielen Konservativen, gegen die Wanderausstellung über Verbrechen der Wehrmacht. Als Tatverdächtiger wurde in beiden Fällen der Name Ekkehard Weil genannt. Der Rechtsterrorist hat bereits zahlreiche Anschläge begangen und tauchte 1998 unter, als er wieder eine Haftstrafe antreten sollte. Weil wurde mit "Saarbrücken" in Verbindung gebracht, weil dort Sprengstoff aus Handgranaten verwandt und per Elektrokabel gezündet wurde. Die Polizei hatte 1995 bei Weil elektronische Zünder und Handgranaten gefunden. Dem fanatischen Antisemiten wird auch zugetraut, er habe mit exakt platziertem Schwarzpulver die Platte auf dem Grab von Heinz Galinski zerstört.

Wozu Neonazis fähig sind, haben 1999 britische Terroristen bewiesen. In London explodierten im April mehrere Nagelbomben, drei Menschen kamen ums Leben, mehr als 100 wurden verletzt. Die Sprengsätze sollten vor allem Homosexuelle und Farbige treffen. Ein Attentäter wurde zu sechs Mal lebenslanger Haft verurteilt. Der Mann zählt zur Neonazi-Truppe "National Socialist Movement" (NSM), einer Abspaltung der militanten Gruppierung "Combat 18". Beide Organisationen werden von militanten Neonazis in Deutschland als Vorbilder verehrt. Auch der kürzlich enttarnte V-Mann des brandenburgischen Verfassungsschutzes, Carsten S., posierte in T-Shirts mit "Combat 18"- oder "NSM"-Aufschriften. Wohin solcher Fanatismus führen kann, war schon vor 20 Jahren in München zu besichtigen: Der Neonazi Gundolf Köhler zündete auf dem Oktoberfest eine Splitterbombe. 13 Menschen, darunter der Attentäter, starben, 219 erlitten zum Teil schwere Verletzungen.

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