Politik : Bombenanschlag von Düsseldorf: Schily vermutet rassistisches Motiv

rtr/AFP

Der Bombenanschlag in Düsseldorf galt möglicherweise gezielt Ausländern und Juden. Es werde vorrangig in diese Richtung ermittelt, teilte die Staatsanwaltschaft am Freitag in Düsseldorf mit. Hinweise auf die Bombenleger gab es zunächst jedoch nicht. Bei der Explosion waren am Donnerstag in einer S-Bahn-Station neun Osteuropäer, darunter sechs Juden, zum Teil schwer verletzt worden. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) sagte, es könne eine rassistisch motivierte Tat vermutet werden. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, warnte vor voreiligen Spekulationen. Prominente aus Politik und Gesellschaft planen unterdessen eine "Aktion gegen Fremdenhass und Antisemitismus". Dies kündigte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, an.

"Wir ermitteln jetzt gezielt und vorrangig in Richtung ausländerfeindlich beziehungsweise antisemitisch motivierte Tat", sagt Staatsanwalt Johannes Mocken. Dies ergebe sich nicht aus neuen Erkenntnissen, sondern daraus, dass alle Opfer Ausländer und einige von ihnen Juden seien. Gleichwohl werde auch in andere Richtungen ermittelt: "Auch die Tat eines Verrückten schließen wir nicht aus." Ähnlich äußerte sich auch ein Sprecher der Polizei. Schily vermutete fremdenfeindliche oder rassistische Hintergründe der Tat: "Man kann aus der Tatsache, dass es sich bei den Opfern um Ausländer handelt, die Vermutung haben, dass es einen solchen Hintergrund haben könnte", sagte Schily in Berlin. Gesicherte Erkenntnisse gebe es aber noch nicht.

Die neun Opfer stammten aus Russland, der Ukraine und Aserbaidschan. Sechs von ihnen gehören den Jüdischen Gemeinden in Düsseldorf und Solingen an. Die Opfer traf der Sprengstoffanschlag am Donnerstag nach ihrem täglichen Deutschunterricht in einer nahe gelegenen Sprachenschule. Im Durchgang zur Haltestelle Wehrhahn war der Sprengsatz kurz nach 15 Uhr explodiert. Nach Polizeiangaben hing er an einem Metallgeländer und hatte eine "hohe Splitterwirkung". Wie genau der Sprengsatz gebaut war und wie er gezündet wurde, war zunächst noch unklar. Erst wenn man wisse, ob er mit einem Fernzünder versehen gewesen sei, könne man Näheres dazu sagen, ob es sich um einen gezielten Anschlag gehandelt haben könnte, sagte Mocken.

Eine 26-jährige, im fünften Monat schwangere Frau aus der Ukraine wurde bei dem Anschlag am Bein schwer verletzt und verlor ihr ungeborenes Kind, das durch einen Splitter getötet wurde. Die Ärzte konnten aber ihr Bein bewahren und nähten einen bei der Explosion nahezu abgetrennten Unterschenkel wieder an. Die Frau, ihr 28-jähriger Mann und zwei weitere schwer verletzte Opfer waren nach Polizeiangaben außer Lebensgefahr. Vernehmungsfähig war zunächst keines des neun Anschlagsopfer.

Friedman sprach von einem "Akt der Barbarei". Er sei entsetzt darüber, dass in einer deutschen Stadt friedliche Menschen Opfer brutaler Gewalt geworden seien, sagte Friedman Reuters. Die Nationalität oder die Religionszugehörigkeit der Opfer dürfe dabei keine Rolle spielen. Er warnte vor voreiligen Spekulationen über das mögliche Tatmotiv. Noch stünden die Ermittlung am Anfang.

Zu der geplanten "Aktion gegen Fremdenhass und Antisemitismus" sagte Spiegel der "Rhein-Zeitung", die fast täglichen Übergriffe auf Ausländer und die Schändungen von jüdischen Friedhöfen und Synagogen hätten inzwischen ein "beängstigendes Ausmaß" angenommen: "Heute richtet sich der Hass gegen Fremde, morgen gegen Behinderte und übermorgen gegen andere Minderheiten." Um dieser Entwicklung entgegen zu treten, plant Spiegel die Prominenten-Aktion: "Boris Becker, Mario Adorf und Veronika Ferres haben spontan zugesagt."

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