Politik : Bombenbau auf Vorrat

Malte Lehming

Gesucht wird ein irakischer General, der Saddam Hussein ersetzen kann, das Vertrauen des Militärs besitzt und sowohl von Kurden, Schiiten und Sunniten als auch von den Geheimdiensten des Landes respektiert wird. Er muss Amerika lieben, sich durchsetzen können und Demokrat sein. Bevorzugt werden säkulare Muslime. Wer schon einmal die Menschenrechte verletzt hat, braucht sich nicht zu bewerben.

Zum Thema Dokumentation: Kampf gegen Terror
Fotos: Osama Bin Laden, Krieg in Afghanistan
Diese Stellenausschreibung dürfte im Zentrum der Strategiegespräche stehen, die seit Wochen im Weißen Haus und Pentagon geführt werden. Denn nach Kabul kommt Bagdad: Diese Auffassung teilen alle Regierungsmitglieder um Präsident George W. Bush. Nicht mehr das Ob wird in Amerika diskutiert, sondern bloß noch das Wann und Wie. Von drei Faktoren werden die Überlegungen bestimmt. Da ist erstens die politische Großwetterlage, da sind zweitens die militärischen Möglichkeiten, und drittens muss bedacht werden, wer nach einem Regimewechsel den Irak regieren soll. Das Endziel freilich ist klar und deutlich formuliert worden. Es heißt: Saddam muss weg.

Fangen wir ausnahmsweise von hinten an. Wer soll nach dem Diktator für Stabilität und demokratische Entwicklungen im Irak sorgen? Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Ende März wollen sich Vertreter der US-Regierung mit rund 200 früheren irakischen Offizieren in Washington treffen. Die Konferenz ist die bislang größte Veranstaltung oppositioneller irakischer Militärs. Als Schirmherren fungieren die USA. Sie wollen mit den Ex-Offizieren ein Konzept erarbeiten, wie eine Nachfolgeregierung die Truppen unter Kontrolle bekommen könnte.

Einen Zerfall des Iraks will keiner riskieren. Andererseits droht bei einem Regimewechsel die Spaltung des Landes. Die im Norden angesiedelten Kurden streben nach Autonomie. Das verärgert die strategisch bedeutsame Türkei. Ankara befürchtet ein Aufflammen des Bürgerkriegs. Eine Abspaltung der Schiiten im Süden, womöglich in Anlehnung an den Iran, will Saudi-Arabien unbedingt verhindern. Was ist gefährlicher: Saddam Hussein oder ein destabilisierter Irak? In der Region selbst fallen die Antworten auf diese Frage höchst unterschiedlich aus.

Was sind die militärischen Möglichkeiten? Mehr als zehn Jahre nach dem Golfkrieg wird der Irak, nach Überzeugung aller US-Experten, ein schwacher Gegner sein. Das Gerät ist veraltet, die Moral der Truppe niedrig, kein anderes Land wird Bagdad zur Hilfe eilen. Gegen die US-Maschinerie hätte Saddam keine Chance. Allerdings hat Washington eine bestimmte Munitionsart in Afghanistan so gut wie aufgebraucht. Es ist die "Joint Direct Attack Munition" (JDAM). Bei diesem System werden einfache Bomben mittels eines satellitengesteuerten GPS-Systems aufgerüstet. Anschließend können sie zielgenau eingesetzt werden.

Bei Boeing wird bereits 24 Stunden am Tag in drei Schichten gearbeitet. Trotzdem könnte die Produktion der JDAMs sechs bis zwölf Monte dauern, um genügend Nachschub für einen Luftschlag gegen den Irak zu haben. Und eines ist sicher: Ebenso wie im im Falle Afghanistans wird die Bush-Regierung auch gegen den Irak nicht überstürzt vorgehen. Der umfassende Erfolg - militärisch, politisch und diplomatisch - ist ihr wichtiger als die schnelle, spektakuläre Aktion. Was den Zeitrahmen betrifft, gibt es allerdings eine Gewissheit: Falls Saddam im Präsidentschaftswahljahr 2004 immer noch am Ruder ist, hat Bush ein schweres Problem. Was ist politisch zu tun? Am heutigen Sonntag reist US-Vizepräsident Dick Cheney für mindestens zehn Tage in die Region, um ein neues Anti-Irak-Bündnis zu schmieden. Gleichzeitig verdichten sich die Anzeichen, dass Washington die völkerrechtliche Rückendeckung durch den UN-Sicherheitsrat anstrebt. Im Mai entscheiden die UN über die Verlängerung des 1990 verhängten Handelsembargos. Bush reist im selben Monat nach Deutschland und Russland. Bis dahin wird der Irak besonders bei der Inspektorenfrage weiter unter Druck gesetzt. Einige Erfolge stellen sich bereits ein. In der vergangenen Woche empfing UN-Generalsekretär Kofi Annan zum ersten Mal seit einem Jahr eine irakische Delegation. Mit dabei war Hans Blix, der schwedische Chef des UN-Inspektorenteams. In Bagdad scheint man verstanden zu haben, dass die Lage ernst ist, obwohl man anschließend erneut eine Rückkehr von Inspektoren ablehnte.

Ob den Amerikanern freilich eine solche Rückkehr der Inspektoren überhaupt reicht, lassen sie bewusst offen. Im Sicherheitsrat werden sie ein extrem weit gefasstes Mandat verlangen. Demzufolge soll die Arbeit der Inspektoren von den USA kontrolliert werden können und sich bis ins Schlafzimmer von Saddam erstrecken. Sollte der Diktator sich weigern oder tricksen, würde dies automatisch als Kriegsgrund interpretiert. Doch selbst, wenn er klein beigibt: Biologische Waffen, darauf hat Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hingewiesen, lassen sich in Mini-Labors herstellen. "Inspektoren nützen da gar nichts."

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