Politik : Bombenkrater zu Baustellen (Kommentar)

Claudia Lepping

Er hat sie alle überzeugen können, dass der Balkan-Stabilitätspakt der richtige Weg zum Frieden in Südosteuropa ist. Sogar die Japaner sind Anhänger Joschka Fischers, der in den Wirren des Kosovo-Krieges die Pakt-Idee zu einem langfristigen Konzept verarbeitete. 80 Länder sind es heute, acht Monate nach dem Gründungsgipfel von Sarajevo, die bereit sind dafür zu zahlen, dass endlich Ruhe einkehrt in einer Region, in der die friedliche Austragung von Konflikten unmöglich scheint. Weltbank, EU-Kommission und internationale Finanzinstitutionen sind dabei. Es kann losgehen. Es muss losgehen.

Doch bei aller Bereitschaft, sich dort finanziell zu engagieren, wo das eigene politische Zögern die Krise verschärfte: Es fehlt die energische Umsetzung der hehren Ziele. Wer Frieden, Integration von Minderheiten, Menschlichkeit und demokratische Gleichberechtigung predigt, muss Experten zur Anleitung bereit stellen. Rechtsanwälte, Verwaltungsfachleute, Polizisten, Unternehmer - der Balkan braucht Vorbilder, um sich zu qualifizieren.

Rund 100 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2015 sollen Südosteuropa dazu verhelfen, ein politisches und wirtschaftliches Leben zu organisieren, das gegen übersteigerte Nationalismen schützt und auf regionale Zusammenarbeit setzt. Vom Gewehr zum Wahlzettel - oder: Genesung durch den demokratischen Schock. Mit diesen Visionen gewann Fischer letztlich Japan und die USA für die langfristige Kfor-Friedensmission und für den Stabilitätspakt.

Heute muss er verhindern, dass die Debatte über eine gerechte Lastenverteilung zwischen EU- und Nicht-EU-Ländern seinen Plan so verwässert, dass die Gebrauchsanweisung unlesbar wird. Slowenien, Bosnien und Kroatien bemühen sich durchaus, zumindest den Handel untereinander zu beleben. Sie wissen, dass sie mit Europa nur anbandeln können, wenn sie mit ihren Nachbarn, denen der EU-Beitritt sicher oder in Aussicht gestellt ist, zusammenarbeiten.

Deshalb darf die internationale Gemeinschaft nicht ein Vakuum entstehen lassen, das die nationalistischen Kräfte in ihrem Widerstand ermutigt. Der Krieg ist erst beendet, wenn Belgrad demokratisiert ist, sagt Joschka Fischer. Scheitert der Stabilitätspakt, muss sich Milosevic um die Isolation Serbiens nicht scheren. Ein erfolgreicher Pakt aber ist sein politisches Ende. Der Westen, die USA und Japan, müssen die Sogwirkung eines erfolgreichen Stabilitätspaktes nutzen - sie kann bis nach Moskau reichen, wo sich Putin noch nicht auf ein künftiges Balkan-Engagement Russlands festgelegt hat. Ein dank westlicher Hilfe prosperierendes Südosteuropa kann ein neues, erfolgreiches Kapitel aufschlagen - und den Mythos beenden, dass sich mit dem Schicksal des Balkans immer eine Tragödie für Europa verbindet.

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